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Über die Kunst, sich selbst zu motivieren |
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go longlife!:
Herr Dr. Altmann, früher waren es überwiegend Eltern, Lehrer und Freunde, die uns durch
Zustimmung, ein Lächeln, ein Lob, zu grösseren Anstrengungen anspornen konnten. Wie
motiviert man sich in der Lebensmitte, wenn sich das Gefühl einschleicht, leer,
ausgebrannt ja gleichgültig geworden zu sein? Dr. Altmann: Wenn die Erfolge aufhören, als Motivation zu wirken, ist das eine Erfahrung, die zeigt, daß die Motivation nicht etwas Statisches und Unabhänderliches ist, sondern dass sie, wie das Leben selbst, dem wichtigsten Gesetz unseres menschlichen Daseins unterliegt: Dem Gesetz der Entfaltung. Nicht das Gesetz des Überlebens ist das Grundgesetz des Lebens, sondern das Gesetz der Entfaltung. go longlife!: Was geschieht, wenn sich ein Mensch nicht entfalten kann? Dr. Altmann: Es ist heute eine Tatsache, dass die Behinderung eben dieser Entfaltung eine der Hauptursachen für die psychischen und physischen Krankheiten darstellt. Ebenso gilt: Auch die Motivation streikt, wenn sie auf Dauer für Ziele eingesetzt wird, die die Entfaltung behindern. Der plötzliche Einbruch der persönlichen Motivation ist oft das sicherste Zeichen für die Notwendigkeit einer neuen Zielrichtung, für eine neue Qualität der persönlichen Entfaltung. Denn auch die Selbstmotivation verläuft entsprechend dem Lebensalter gewöhnlich in drei Stufen: 1. Die Motivation durch Erfolge 2. Die Motivation durch Professionalität und 3. Die Motivation durch Visionen go longlife: Was bedeutet das für unsere Zielgruppe? Dr. Altmann: Die Abkehr von den bis dahin vorrangigen Ich-Zielen und Hinwendung zu den Du-Zielen, zu dem Dienst an den anderen, an der Gemeinschaft. Denn die eigentliche Vision eines Menschen hat nur wenig mit dem Erreichen vom Umsätzen und Profitraten u.ä. zu tun, sondern letztlich mit seinem Beitrag für die menschliche Gemeinschaft. Auch aus diesem Grund beurteilte der Psychologe Alfred Adler die Reife eines Menschen nach seinem Dienst an der Gemeinschaft. go longlife: Was gehört noch dazu, sich selbst zu motivieren? Dr. Altmann: Motivation beginnt auch mit Selbstbewusstsein. Ich nenne ein Beispiel: Als der heilige Franz von Assissi einmal eine Wiese mähte, fragten seine Brüder ihn: Was würdest du tun, lieber Franz, wenn du nur noch eine Stunde zu leben hättest? Die Antwort: "Weitermähen! Eine Anekdote, die ein schönes Beispiel dafür ist, wie jemand mit dem, was er tut, und dem, was er (wirklich) tun möchte, in völliger Harmonie ist. Voraussetzung dieser Übereinstimmung ist ein kontrolliertes Selbst-Bewusstsein. Nicht im Sinne von Selbstvertrauen, sondern im Sinne, sich seiner Werte und Ziele sowie der notwendigen Entwicklungsschritte auf dem Weg zur Verwirklichung seiner Lebensziele und Visionen ganz bewusst zu sein. go longlife: Mit zunehmendem Alter stellt sich oft ein Gefühl der Erschöpfung, Ermüdung und Leere ein. Dr. Altmann: Ja, es ist, als ob man wüsste, auf einem falschen Gleis in die falsche Richtung zu fahren. Den augenblicklichen Status seiner inneren Harmonie, die Übereinstimmung seiner Arbeit mit seinem Lebensziel kann jeder selbst sehr schnell durch eine einzige Frage erkennen: Was würde ich tun, wenn ich nur noch einen Tag, eine Woche usw. zu leben hätte? Würde ich dann auch genau das weitermachen, was ich gerade mache? go longlife: Was sind Ihrer Meinung nach die stärksten Motivationskiller? Dr. Altmann: Zu den stärksten Motivationskillern gehört heute auch der Umstand, dass die alte Gleichung Mehr Leistung ist mehr Erfolg ist mehr Geld ist mehr Lebensqualität schon längst nicht mehr stimmt. Viel eher gilt die neue Formel: Mehr Leistung ist mehr Stress ist mehr Fremdbestimmung ist mehr Unzufriedenheit. Wobei die Formel oft noch wesentlich schärfer definiert werden kann: Mehr Leistung ist mehr Selbstausbeutung ist mehr Selbstbestrafung ist mehr Selbstzerstörung. Der Herzinfarkt ist dann der letzte Alarm eines ungelebten und ungeliebten Lebens. go longlife: Wie könnte die Lösung aussehen? Dr. Altmann: Michelangelo, der berühmte Bildhauer und Maler der Renaissance kann uns eine Hilfe sein. Als Papst Julius II. ihn aufforderte, die 1000 Quadratmeter große Decke der Sixtinischen Kapelle mit der Darstellung der 12 Apostel auszumalen, da schreckte Michelangelo vor den Schwierigkeiten zurück und lehnte zunächst ab, nahm sich dann aber allmählich der gigantischen Aufgabe an und machte sie zu seiner persönlichen Herausforderung. go longlife: Wie erreicht man es, alles um sich herum zu vergessen und mit höchster Hingabe zu arbeiten? Dr. Altmann: Man braucht eine Aufgabe, mit der man sich voll identifizieren kann, die man als Herausforderung ansieht, auf die man sich freut, der man sich letztlich doch gewachsen fühlt, bei der man neue Kenntnisse und Strategien kennenlernt, bei der man sein Bestes gibt, um über seine Grenzen hinauszuwachsen und bei der man das Gefühl hat, auch geistig und seelisch zu reifen. |
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Ein Interview von Waltraud Heyne |