![]() |
Lebenslust und Liebesfreude |
|
|
Den meisten jungen Menschen erscheint sexuelles Erleben als Vorrecht der Jugend. Graue Haare, Falten und Lust passen in ihren Augen nicht zusammen. Auch manche Ältere versagen sich ihre Bedürfnisse, weil sie glauben, dass “so etwas” sich nun “nicht mehr gehört”. “Wir sind nicht die erste Generation, die weiß, dass es nicht so ist, aber wahrscheinlich die erste, die nicht dazu erzogen wurde, es schamhaft zu verschweigen”, schrieb der Sexualforscher Alex Comfort 1972, als er sich in seinem sechsten Lebensjahrzehnt befand. |
| Tabu trifft vor allem Frauen | |
| Dennoch ist Sexualität in der zweiten Lebenshälfte auch 30 Jahre später noch ein Thema, über das kaum gesprochen und das selten offen gelebt wird. Das Tabu trifft Frauen stärker als Männer, die zwar als sprichwörtliche Kavaliere “genießen und schweigen”, aber ebenso sprichwörtlich mit zunehmendem Alter angeblich immer “toller” werden. Insbesondere Menschen, die nicht in einer Familie oder festen Partnerschaft leben – seien sie nun eingeschworene Singles, geschieden oder verwitwet – haben es schwer, sich zu ihren sexuellen Neigungen und Bedürfnissen zu bekennen. So erinnert sich Elsa (84): “Meine schwersten Jahre waren zwischen fünfzig und sechzig. Als ich die Fünfzig hinter mir hatte – und damals war ich schon zweifache Witwe – sah es so aus, als sei die nächste Umgebung der Meinung, ich solle aufhören, mich für Männer zu interessieren. War ab und zu ein Mann bei mir zu Hause, hatte ich den Eindruck, dass die Nachbarn mich über die Schulter ansahen.” Wäre Elsa ein Mann gewesen, hätte ihre Umwelt wohl weniger Probleme damit gehabt. Von Filmstars und anderen Prominenten ist man gewöhnt, dass sie mit jungen Geliebten posieren und damit ihre keineswegs verblasste sexuelle Attraktivität demonstrieren. Lust am Sex und Genuss werden Männern viel eher zugestanden als Frauen. | |
| Aber: Frauen gewinnen an Selbstbewusstsein | |
![]() |
Dabei verändert sich gerade bei Frauen der Wunsch nach lustvollem Erleben und die sexuelle Leistungsfähigkeit zwischen dem 30. und dem 60. Lebensjahr kaum. Und selbst nach dem 60. Geburtstag gehen Veränderungen überraschenderweise nur sehr langsam vor sich. Als die Frauen Sex noch als eine Domäne der Männer hinnahmen, sich unterordneten und inaktiv blieben, haben viele von ihnen ihre sexuellen Wünsche unterdrückt. Heute jedoch erkennen immer mehr Frauen – auch viele ältere –, dass sie mindestens ebenso viel Leidenschaft wie Männer entwickeln. Die 68-jährige Hannelore erläutert, was das für ihr eigenes Sexualleben bedeutet: “Jetzt wecke ich ihn auf, wenn mir danach ist. Und hinterher rolle ich mich auf die andere Seite. Manchmal schlafe ich sogar wieder ein. Er hat es ja seit Jahren so gehalten.” Das heißt jedoch nicht, dass ein Mann seine Lust den Wünschen und Bedürfnissen seiner Frau unterordnen sollte. Ebenso wenig sollte er sich von nachlassender sexueller Leistungsfähigkeit in seinem Genuss beeinträchtigen lassen. |
| Genuss beim Sex: nicht nur gesteuert von Körperfunktionen | |
|
Das größte
Sexualorgan des Menschen wiegt dreieinhalb Pfund und sitzt zwischen den
Ohren.
|
Sex spielt sich nicht nur in den Genitalien ab. Wesentliche Bedeutung für lustvolles sexuelles Empfinden hat unser Gehirn, das leidenschaftliche Phantasien produziert und ausschlaggebend dafür ist, wie Sex erlebt wird. Das Vibrieren und Kribbeln am ganzen Körper bei erotischen Berührungen ist darauf zurückzuführen. Orale und manuelle Stimulation sind für den Genuss genauso wichtig wie der Geschlechtsakt selbst. Lustvolles Erleben und Spaß am Sex hängen weniger von der Anzahl der erreichten Orgasmen ab als vielmehr von der Zärtlichkeit und dem liebevollen, achtsamen Umgang der Partner miteinander. Das gilt für die dauerhafte Verbindung in der Ehe genauso wie für eine kurzfristige Beziehung. |
| Sex und Liebe – auch ohne Trauschein | |
|
”Wenn sich die
Seele vom Partner liebevoll angesprochen fühlt, dann antwortet der
Körper unverzüglich und öffnet sich wie eine zarte Blume.” |
Selbst so genannte “One-Night- Stands” oder Affären ohne feste Bindung sind keine Domäne der Jugend. Die weitaus meisten Singles in Deutschland gehören der älteren Generation an – und auch deren sexuelle Bedürfnisse drängen danach, befriedigt zu werden. Die 62- jährige Anna bringt das Thema “sexuelle Freiheit” auf den Punkt: “Wenn die Enkel so leben, sollte man älteren Menschen dasselbe Recht einräumen.” Rolf (67), verheiratet, meint: “Recht so, denn Sex gehört zum Leben.” Generell sprachen sich bei einer Umfrage unter 60- bis 80-Jährigen 91 Prozent der Befragten für sexuelle Beziehungen auch ohne Trauschein aus. Männer (95 Prozent) und Frauen (89 Prozent) denken darüber offenbar recht ähnlich. |
| Die Meinung der anderen: ein bestimmender Faktor? | |
|
|
Was Kinder und Enkel denken könnten, stört sexuell aktive ältere Personen offenbar in sehr unterschiedlichem Maß. Zumindest diejenigen, die sich zueinander und zu ihrer Lust bekennen, gehen damit offen um. Andere, wie der 80-jährige Friedhelm, haben zwar Sexual- und Liebespartner, halten dies jedoch eher im Verborgenen, um sich nicht zu kompromittieren. Friedhelm lebt nach dem Motto: “Sexuelle Beziehungen – ja, zusammen leben – nein. Man hat schließlich Kinder und Enkel.” |
| Neue Qualitäten entdecken | |
| Ein Mensch, der wirklich Lust am Leben empfindet, hat auch sexuelle Bedürfnisse – mag er 20, 50 oder 80 Jahre zählen. Lebenslust und damit auch Sexualität in jedweder Form erhalten uns jung und geistig wie körperlich fit. Auch wenn Krankheiten oder Potenzschwäche das Erleben mitunter einschränken, muss das keineswegs dazu führen, lustvolle Aktivitäten aufzugeben. Vielmehr gilt es, die sexuellen Handlungen auf das neue Empfinden einzustellen, sich den eigenen Gefühlen und denen des Partners anzupassen. Das Bewundern des anderen Körpers, Streicheln, Küssen und Schmusen gehören dazu und lassen eine neue sexuelle Qualität wachsen, die bei leidenschaftlichem Sex mit raschem Höhepunkt nicht entstehen kann. So erfahren nicht wenige Menschen Sex in höherem Lebensalter schöner als jemals zuvor. | |
|
Gudrun Apel |
|
|
TIPP
“Mehr Lust” aus der Natur: die peruanische Maca-Wurzel Aus den Hochebenen der Anden stammt eine Pflanze, die seit Jahrhunderten in Peru als Nahrungs- und Heilmittel genutzt wird. Jüngste Untersuchungen bestätigen, dass die in der Wurzel enthaltenen Substanzen die Testosteron-Bildung beim Mann und Östrogen-Bildung bei der Frau anregen. Die in Kapseln oder Tabletten erhältlichen Wurzelextrakte fördern die Libido und können u. a. bei Erektionsstörungen helfen. Im Gegensatz zu anderen Potenzmitteln wirkt Maca nicht sofort, sondern langfristig. Nebenwirkungen sind nicht bekannt. |
|
|
Literaturtipp
Bernard Starr/Marcella Weiner, Liebe im Alter, Scherz Verlag, Bern, München, Wien, 1998 |