Der Weg zum Glück
Das Streben nach Glück ist so alt wie die Menschheit selbst. In jedem Menschen ist es als grundlegendes Bedürfnis, als eine Art Ur-Sehnsucht angelegt. Zu Geburtstagen und Jubiläen tauscht man Glück- Wünsche aus. Glück gilt gemeinhin als das erstrebenswerteste Gut überhaupt. Doch fragt man Menschen, was Glück eigentlich ist, wird man viele unterschiedliche Antworten erhalten. Denn Glück bedeutet für jeden etwas anderes. Der eine nennt es Glück, seinen Wohlstand zu mehren, der nächste findet sein Glück in der Liebe und der dritte ist glücklich, wenn er sein Leben genießen und sein individuelles Wohlbefinden steigern kann. Auch Erfolgserlebnisse im berufl ichen Umfeld bescheren Glücksmomente. Oft wird schon das Gefühl der Zufriedenheit als eine Art von Glücklichsein empfunden.



Nur wer die Dunkelheit kennt, weiß die Sonnenstrahlen zu schätzen. Ganz ähnlich ist auch mit dem Glück: Denn wer ständig auf der Sonnenseite des Lebens gewesen ist, dem fällt es immer schwerer, sich über die Kleinigkeiten des Alltags zu freuen.

Glücksgipfel im Alltagsgrau 

Glück markiert Momente des Lebens, die sich vom Alltag abheben, die etwas ganz Besonderes darstellen. Ein zufriedenes Leben zu führen, in dem immer wieder Gipfel des Glücks aufragen, sollte das Ziel sein. Ein durchweg glückliches Leben zu führen, ist wohl kaum möglich. Denn wir können Glück nur erfahren, wenn es sich vom Alltag unterscheidet, ihn überragt. Diese Erfahrung kann durchaus im Zusammenhang mit dem Zustand eines momentanen Unglücklichseins gemacht werden. Etwa, wenn man unter einer Krankheit leidet und erfährt, dass Heilung nicht nur möglich ist, sondern einem auch zuteil wird.
Glück können wir aber auch aus einem alltäglichen Zustand heraus erleben. Wenn beispielsweise der Alltag jemanden fest in seinen Fängen hält, der Lebensrhythmus sich auf Beruf, Hausarbeit und die alltäglichen Sorgen reduziert hat – und man sich unvermittelt verliebt. Wenn die berühmten Schmetterlinge im Bauch flattern, ist man einfach glücklich, egal, welche Unbilden des Alltags darüber hinaus auf einen einstürmen. Doch dieser Zustand ist vergänglich. Verwandelt sich das spontane Gefühl des Verliebtseins, das einen in jedem Alter überfallen kann, in eine feste Bindung, werden auch in der glücklichsten Ehe nicht jeden Tag die Schmetterlinge unterwegs sein. Es sind die Kleinigkeiten des täglichen Lebens, die verhindern, dass wir unser Glück in jedem Augenblick bewusst wahrnehmen. Nur in ganz besonderen Momenten durchströmt es den Körper als eine Art von Hochgefühl.



Glücklich zu sein ist die Ur-Sehnsucht aller Menschen – egal ob als Kleinkind oder als Erwachsener. Kinder haben dabei die wunderbare Gabe sich auch über kleinste Ereignisse des Alltags zu freuen. Sie sprühen schon vor Begeisterung, wenn sie eine schöne Blume sehen, einen seltsam geformten Stein entdecken oder ein Tier streicheln dürfen.

Täglich Höhepunkte schaffen

In solchen Glücksmomenten fließt das Blut dann schneller durch die Adern – ein physiologischer Prozess, der durchaus messbar ist. Etwa drei bis fünf Herzschläge pro Minute trennen bei den meisten Menschen das Glücklichsein vom Normalzustand. Dann werden im Gehirn Endorphine, die so genannten Glückshormone produziert. Solche Momente müssen nicht immer die ganz großen Highlights des Lebens sein. An jedem einzelnen Tag können wir Glücksmomente erleben. Der Anblick der eigenen Kinder oder Enkel, die vor Begeisterung sprühend herumtoben, eine erfolgreich beendete Arbeit oder ein Spaziergang in der Wintersonne reichen aus, um die Ausschüttung der Endorphine anzuregen, um für einen Moment Glück zu empfinden. Voraussetzung dabei: Wir halten unsere Augen und unsere Seele offen für die schönen Dinge des Lebens und nehmen sie bewusst wahr.
Glück haben – Glück verspüren – glücklich sein

Im Deutschen kennen wir für diese unterschiedlichen Gefühle bzw. Erlebnisse nur das eine Wort: Glück. Im Englischen hingegen steht für den Glückszufall, die glückliche Fügung das Wort luck. Der Ausdruck einer Glücksempfindung hingegen wird mit dem Wortfeld happy, happyness umschrieben. Noch umfassender ist Sanskrit, die Sprache des alten Indien. Sie kennt sogar ein gutes Dutzend verschiedener Begriffe für die unterschiedlichen Weisen Glück zu empfinden.

Was ist Glück eigentlich? Für jeden bedeutet dieser Begriff etwas anderes. Für die einen sind es sportliche Erfolge, für die anderen berufliche und materielle Errungenschaften. Für einige ist Glück eine gute Partnerschaft zu führen, wieder andere sind bereits glücklich ohne Schmerzen leben zu können.

Veränderungen im Gehirn 

Medizinische Messmethoden wie das Electrocardiogram (EKG) oder das Electroencephalogram (EEG) können die physiologischen Veränderungen erfassen, die während eines Glücksmomentes im Organismus vorgehen. So werden bestimmte Hirnbereiche aktiviert, das Gehirn bildet neue Vernetzungen und sowohl biochemische, als auch elektrische Signale werden ausgesandt. Dies zeigt sich in der Messkurve. Konkret nachweisen lässt sich Glück – ein positiver Wert auf der Skala der subjektiven Empfindungen – auf diese Weise freilich nicht. Anspannung oder Wut lösen exakt die gleichen Veränderungen in der Messkurve aus, denn Vernetzungen auf der Basis von Eiweißverbindungen entstehen bei jeder emotionalen Regung.
Der Weg zum Glück beginnt mit einem Lächeln

Was sich dem Betrachter der Messkurve entzieht, zeigt ein Blick in das Gesicht des Probanden. Ein glücklicher Mensch sieht anders aus als jemand, in dem negative Gefühle toben. Er lächelt. Und das nicht nur mit nach oben gezogenen Mundwinkeln, wie beispielsweise Politiker oder Schauspieler, sobald eine Kamera auf sie gerichtet ist. Nein, wer wirklich glücklich ist, strahlt von innen heraus, lächelt auch mit den Augen. Wer ein echtes Lächeln, das die Augenwinkel erfasst, in sein Gesicht zaubert, der wird fast automatisch zufriedener, ausgeglichener und auf Dauer glücklicher werden. Denn durch ein echtes Lächeln – und das ist medizinisch bewiesen – wird die Produktion von Glückshormonen angeregt. Je öfter es also einem Menschen gelingt mit den Augen zu lachen, desto eher wird sein Alltag bunt und fröhlich – auch ohne, dass es dafür immer direkte Anlässe gibt.

Eigentlich ist das Rezept für ein glücklicheres Leben nicht schwer: Machen Sie es doch einfach den Kindern nach, suchen in jedem Moment nach dem kleinen Glück, gehen mit offenen Augen und positiven Gedanken durch die Welt und warten nicht in einem vermeintlich tristen und grauen Alltag auf die anscheinend großen Glücksphasen des Lebens oder folgen Sie dem Rat von Paul Heyse: „Musst dich nur vom Neide reinigen, dann verzehnfachst du dein Glück, machst in jedem Augenblick fremde Freuden zu den deinigen.”

Dankbarkeit ist der Schlüssel zum Glück

Eine weitere Methode ist es zu lernen, an jedem ganz normalen Tag die schönen Dinge des Lebens zu beachten und sie wieder bewusst wahrzunehmen. Hilfreich dafür, die Mauer der Alltäglichkeiten zu durchbrechen und Glück zu erfahren, ist eine kleine Übung. Zählen Sie hin und wieder alle Dinge auf, für die Sie dankbar sein können: Gesundheit, Arbeit, ausreichende Nahrung, eine Wohnung, Menschen, die Sie lieben... All diese Dinge nehmen wir gewöhnlich als selbstverständlich hin. Wird nur einer dieser Lebensbereiche beeinträchtigt, so beklagen wir das als Unglück. Doch wie viele Dinge bleiben noch und können uns glücklich sein lassen – trotz der gerade fehlenden? Dankbarkeit ist ein Schlüssel zum Glück. Wer religiös ist, kann Gott danken, wer nicht religiös ist, dem Leben selbst. In England besagt eine alte Volksweisheit: Count Your Blessings – Zähle deine Gaben. Nichts anderes als diese Dankbarkeitsübung ist damit gemeint.
Das kindliche Staunen neu entdecken

Lernen Sie, wieder über die kleinen Dinge des Alltags zu staunen! Kinder verfügen über diese Fähigkeit. Eine Blume, ein ungewöhnlich geformter Stein lösen bei ihnen Faszination aus, lassen sie glücklich strahlen. Mit zunehmendem Lebensalter wird die Gabe, sich an vermeintlichen Kleinigkeiten zu erfreuen und für einen Moment Glück zu erfahren, bei vielen Menschen verschüttet. Wer seine Achtsamkeit auf Sorgen und Probleme ausrichtet, darauf, was alles schief gehen könnte, für den wird Glück allmählich zum Fremdwort. Wer jedoch den freundlichen Morgengruß des Nachbarn, die strahlende Sonne oder das Leuchten der Kinderaugen bewusst wahrnimmt, der kann an jedem einzelnen Tag Glücksmomente erleben. So gesehen ist Glück in der Tat lernbar. Denn ob wir Glück wahrnehmen, hängt weit mehr von der Weise ab, wie unser Gehirn empfindet als von den äußeren Umständen. Eine einmalige Anstrengung genügt nicht, um diese Empfindungsweise zu ändern. Wiederholung und Übung sind dabei unerlässlich, um uns zu öffnen und für das Glück empfänglich zu sein. Wer Glück, positive Energie, Freude ausstrahlt, wer anderen Menschen mit einem Lächeln begegnet, der erfährt auch Freude, Zuneigung und Glück.

Gudrun Apel

 Literaturempfehlungen 

Die Glücksformel, Oder wie die guten Gefühle entstehen, Stefan Klein, Rowohlt-Verlag, 19,90 €

Die Glückslüge, Michael Mary, Gustav-Lübbe-Verlag, 19,90 €

Verführung zum Glück, Anleitung für ein Leben, das sich zu leben lohnt, Siegfried Brockert, mvg, 19,90 €

Loslassen und glücklich sein, Der Weg zu einem entspannten Leben, Hugh Prather, Droemer Knaur, 15,90 €

 Seminarempfehlung 

Der Weg der alltäglichen Zufriedenheit
Die Kunst des Glücklichseins
Die Wünsche an das Leben

MEGIN-Institut Förtha
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Ausgabe 4 / 2003