Der Sinn des langen Lebens

Braucht unser Charakter, um zu reifen, die Veränderungen, die ein langes Leben mit sich bringt?

"Alter ist etwas Wunderbares, solange wir nicht verlernt haben, immer wieder anzufangen." Dieser Satz des Philosophen Martin Buber ist Einsicht und Appell zugleich: In den späteren Lebensphasen kommt es darauf an, nicht im gewohnten Trott weiter zu leben - weil man das doch kennt und sich sicher fühlt -, sondern Neues zu wagen, aktiv zu bleiben, neugierig am Geschehen der Welt teilzuhaben und die Gemeinschaft der Menschen zu suchen. Darüber hinaus aber geht es um die Reise nach innen, um die Hinwendung zum Kern der eigenen Persönlichkeit. Auch das ist ein Wagnis, das Mut erfordert, weil dieser Blick nach innen für viele ungewohnt ist.
Zahlreiche Psychotherapeuten sind sich sicher: Der Sinn eines langen Lebens besteht darin, die eigene Persönlichkeit, das Kern-Selbst oder auch der Charakter genannt, zu einer möglichst vollen, runden Gestalt werden zu lassen. Deshalb ist die Innenschau das neue Thema in der zweiten Lebenshälfte. Sie ist eine Aufgabe, zu der man vom Körper gedrängt wird. Er ist es, der diesen Schritt von der Seele fordert.
Der Blick nach innen 
Das menschliche Leben durchläuft verschiedene Phasen, die nicht nur von anthroposophischen Denkern gern in Siebener-Jahre-Abschnitte eingeteilt werden: Das In-der-Welt-Ankommen und Wachsen in der Kindheit, die Ausbildung und Entfaltung der Persönlichkeit in der Jugend, die verschiedenen Stufen des Erwachsenenalters mit dem Aufbau der eigenen Existenz, einer verstärkten Außenorientierung, der Gründung einer Familie und ihrer Absicherung - und dann die reifen Jahre.
Die Aussicht auf ein langes Leben ist eine fundamental positive Erscheinung unserer Zeit und es wäre geradezu naturwidrig, das Älterwerden nur im Zeichen von Defiziten und Mangelerscheinungen zu beurteilen. Wenn man sich dem Zugewinn an Erfahrungswissen, innerer Produktivität und Gelassenheit öffnet, dann relativieren sich viele "Alterserscheinungen" wie geringeres Schlafbedürfnis, abnehmende körperliche Kraft oder Gedächtnisschwäche. Der US-amerikanische Psychoanalytiker James Hillman zum Beispiel sieht in diesen Erscheinungen notwendige Veränderungen, die helfen, den Blick auch wirklich nach innen zu richten. Deshalb sollte man die Zeit des Lebensabends nicht als Beginn des Endes interpretieren, sondern als Übergang zu einer neuen Lebensstufe.
Neue Lebensmöglichkeiten
Auch die Lübecker Psychotherapeutin Ingrid Eisenmann plädiert dafür, die wertvollen Seiten der dritten Lebensphase zu erkennen und zu würdigen. Es gebe nicht nur einen "Jungbrunnen", sondern auch einen "Altbrunnen". Diesen gelte es zu entdecken und aus ihm zu schöpfen. Anti-Aging-Rezepte und Fitness-Programme allein verstärkten oftmals die Probleme, weil es dann irgendwann ein "Nie-genug" gebe. Deshalb hält Ingrid Eisenmann es für wichtig, die körperlichen und geistigen Grenzen, die im späteren Leben sichtbar werden, anzuerkennen und darin gleichzeitig neue Lebensmöglichkeiten zu entdecken, so zum Beispiel:

die fortschreitende Langsamkeit als Einladung zur Muße zu verstehen (James Hillman spricht gar vom "Abenteuer der Langsamkeit");
das beschauliche Tempo als eine Kraftquelle zu betrachten;
Muße und Innehalten als aktives Zuhören und Hinwenden zu begreifen;
das Loslassen dessen, was nicht mehr möglich und vergangen ist, als Erfahrung neuer Freiheit zu akzeptieren.
Erlebnisse und Erfahrungen des Lebens bewerten
                                                                                                         Eine zentrale Aufgabe für die Zeit etwa ab dem 63. Lebensjahr sehen Psychotherapeuten unterschiedlichster Richtungen in der Rückschau, in der Verarbeitung der Erlebnisse und Erfahrungen. Je länger das Leben dauert, desto eher mag die Aufgabe gelingen, die verschiedenen Persönlichkeitsanteile zu integrieren, die man im Laufe der Zeit herausgebildet, aber dann vielleicht vernachlässigt hat. Außerdem eröffnet sich die Möglichkeit, noch ausstehende Entschlüsse umzusetzen und offene Dinge endlich zu entscheiden. "Wir brauchen ein langes Leben, um die Verwicklungen zu entwirren und die Dinge zurechtzurücken", ist James Hillman überzeugt. Man muss sie nur erkennen und anpacken. Gelingt diese Aufgabe, so erfährt man innere Stärkung - selbst bei schwerster Erkrankung. Hillman lädt ein, vordergründige Defiziterfahrungen, die die Jahre mit sich bringen, als notwendige Begleiterscheinungen seelischer Reifung zu verstehen.
                                                                                      Die zunehmende Schlaflosigkeit.

Warum darüber klagen? Könnte es nicht vielleicht sein, dass wir im Alter für die Nacht wach werden müssen? Hillman: "Wenn Sie wach werden für die Nacht, öffnet sich Ihr Auge für die unsichtbare Welt. Auch öffnet sich ein genaues Ohr für Warnungen, Einsichten, Eingebungen, die uns nur nachts aufzusuchen scheinen und unseren Schlaf stören, um gehört zu werden. ... Wir lernen kennen, was sich am Tag nicht hereinwagt."
 
Braucht der Charakter, um zu reifen, also diese Veränderungen, die für die Nacht wach machen? Schlaflosigkeit als sinnvolle "Tat" des Alters: eine ungewohnte, aber durchaus lebenszugewandte Sichtweise.
  Entscheidend ist die innere Einstellung
  Für Hillman ist es die notwendige Rückschau, die dem oft beklagten Abbau des Kurzzeitgedächtnisses eine Art Sinn beimisst, ja ihn plausibel erscheinen lässt. Denn: Indem man vergisst, in welchem TV-Programm man eine bestimmte Sendung gesehen hat, konzentriert sich das Gedächtnis auf Erinnerungen und Ereignisse, die für das eigene Leben höhere Bedeutung haben. Diese Erinnerungen arbeiten in der Psyche weiter. Sie wollen und müssen verarbeitet werden.
Entscheidend ist also die innere Einstellung, mit der wir das (lange) Leben betrachten; und eben auch das Älterwerden. Es geht darum, unsere Einstellung zu verändern, wenn wir fast nur noch die Defizite sehen und uns ein langes Leben schreckt. Dass ganz neue kreative Kräfte weckt, wer sich In neugieriger und offener Weise auf die Reise nach innen begibt, verdeutlicht der niederländische Pädagoge und Arzt Bernard Lievegoed am Beispiel großer Künstler: "Der Überlieferung nach hat der japanische Maler Hokusai gesagt, alles, was er vor seinem 73. Lebensjahr gemacht habe, sei wertlos, seine künstlerische Laufbahn beginne erst danach." Tizian habe mit beinahe hundert Jahren seine ergreifendsten Bilder gemalt. Giuseppe Verdi, Richard Strauss, Heinrich Schütz, Jean Sibelius und andere Komponisten "haben bis weit in die Achtzig hinein gearbeitet". Ein langes Leben kann völlig neue Kräfte freisetzen - bei jedem Menschen.
Fragen, die sich im Lebensabschnitt zwischen 56 und 63 Jahren stellen:

Wie sehe ich meine Biografie als ganze? Was ist der rote Faden in meiner Biografie?
Was habe ich verwirklichen können? Was steht als Aufgabe aus, die ich gern noch verwirklichen möchte?
Wie gehe ich mit meinen körperlichen Beschwerden um?
Was kann ich für die Pflege meines Körpers, ganz besonders aber auch meiner Sinne und meines Gedächtnisses tun?
Sind Beziehungsprobleme ungelöst geblieben? Was kann ich davon noch nachholen? 
Wie steht es mit meinen materiellen Gütern?

Fragen, die sich ab 63 Jahren stellen:

Was möchte ich in der Zukunft noch lernen?
Welche neuen Dimensionen meines Bewusstseins ergeben sich?
Empfinde ich Gnade, Dankbarkeit, Heiterkeit?
Gelingt es mir, einige Kräfte aus der Kindheit und Jugend zu erhalten? Wie?
 
Ein Laboratorium des Charakters

Die Bildung des Charakters ist das eigentliche Ziel des langen Lebens. So prägen Sie ein Bild von sich, das nachwirkt im Leben der Kinder und Enkelkinder.

 Sieht man das Alter als Laboratorium des Charakters, der Persönlichkeit, die sich profiliert, dann kann das lange Leben zu einem spannenden Abenteuer werden, in dem sich Altes und Neues verknüpft. James Hillman: "Wenn der Charakter das eigentliche und letzte Ziel ist, dann bringt er das Leben zum Höhepunkt, poliert es auf Hochglanz zu einem Bild, das länger bleibt." Ein Bild, das möglicherweise nachwirkt im Leben der Kinder und Enkelkinder.
Dabei geht es nicht darum, nun unbedingt nur "weise, gelassen und heiter" zu werden. Nein, auch Temperament, das Feuer des Zorns und ein aufbrausender Charakter haben ihr Gutes. Dann nämlich klagt man an, mischt sich ein, vertritt unerschrocken und feurig das Gute, von dem man überzeugt ist. Man ist weiter präsent und lebendig - auch im hohen Alter. Und vielleicht sogar noch nach dem Tod. Denn, so die unkonventionelle Botschaft des Seelenarztes Hillman: "Wenn Sie Ihren Charakter bilden, verlängern Sie Ihr Leben, indem Sie Ihr Bild unauslöschlich gestalten."
 

 Hartmut Meesmann

  Buchtipps: 
Vom Sinn des langen Lebens. Wir werden, was wir sind, James Hillman, Kösel-Verlag, 22,50
Lebenskrisen - Lebenschancen. Die Entwicklung des Menschen zwischen Kindheit und Alter, Bernhard Lievegoed, Kösel-Verlag, 19,95
Die Freiheit im "Dritten Alter". Biographische Gesetzmäßigkeiten im Leben ab 63, Gudrun Burkhard, Verlag Freies Geistesleben, 12,90 (wieder lieferbar ab April 2004)
Ausgabe 1 / 2004