Wunderwelt des Riechens und Schmeckens

Über die sinnlichsten der menschlichen Sinne



Ist Ihnen bewusst, wie wichtig die Nase für uns ist? Sie trifft nicht nur Entscheidungen für uns, sondern von ihr hängt es auch ab, wie gut unser Geschmackssinn ist, ob wir jemanden "riechen können" oder nicht, welchen Gefühlen wir plötzlich ausgesetzt sind und ob wir bestimmte Situationen genießen. In manchen Fällen warnt sie uns sogar vor Gefahr, wie bei Gas- und Brandgeruch oder bei verdorbener Nahrung. Auf jeden Fall kommt ihr eine weitaus größere Bedeutung zu, als wir im ersten Moment vermuten. Da der Geruchs- und dadurch auch der Geschmackssinn mit der Zeit etwas nachlassen kann, hat die Uni München ein Projekt ins Leben gerufen, das dieses Thema untersucht.
Leben in einer Welt der Gerüche

In der Natur spielen Düfte seit jeher eine lebenswichtige Rolle. Auch beim Menschen ist Geruch die älteste Form der Kommunikation. 
Für die großen Denker und Philosophen allerdings war er der niedrigste unserer Sinne, weil er nicht vom Willen des Menschen beeinflussbar ist. Aber gerade das macht ihn so einmalig. Denn er ist der einzige Sinn, dem man sich nicht entziehen kann, ohne Schaden zu nehmen: Wer sich die Nase zuhält, muss durch den Mund atmen und nimmt dann trotzdem noch Gerüche wahr, und wer den Mund schließt, hat mit Atemnot zu kämpfen. So kommt es, dass wir ununterbrochen den unterschiedlichsten Gerüchen ausgesetzt sind, die verschiedenste Emotionen wach rufen. Je nachdem, was unser Gehirn mit dem jeweiligen Duft verbindet.
Die Nase ist nur der Eingang

Evolutionsgeschichtlich ist der Geruchssinn einer der ältesten Sinne. Gerüche gehören auch zu den frühesten Wahrnehmungen des Menschen - und das bereits im Mutterleib. Über die Nabelschnur nehmen wir nämlich schon Geschmacks- und damit auch Geruchsstoffe auf. 
Riechen beginnt auf einem kleinen Fleck oben in der Nasenhöhle. Hier sitzen Millionen von Riechzellen, die alle vier bis sechs Wochen erneuert werden, damit sie voll leistungsfähig bleiben. Mit diesen ca. 1000 verschiedenen Zelltypen kann die menschliche Nase weit mehr als 10.000 Düfte unterscheiden. Noch können wir aber nicht einsortieren, was wir riechen. Das geschieht im Gehirn.
Der direkte Draht zum Gehirn

Durch die Nase führt ohne Umwege über verschiedene Nervenzellen eine direkte Verbindung zum Gehirn. Wenn Luft in die Nase eingesogen wird, gelangen die Geruchsmoleküle über den Nasenvorhof in das Innere, bis hin zu den Riechkolben der Riechzellen. Hier werden die Düfte in Nervenimpulse umgewandelt, bevor sie ins Riechhirn weiter geleitet werden. Von dort gelangen die Nervenimpulse ins limbische System, das, zuständig für Emotionen und Erinnerungen, blitzschnell ein Gefühl mit dem Geruch verbindet. Das "Ziel" ist die Riechrinde, die uns endlich verrät, ob wir Rosenblüten oder Harzer Käse riechen. Je nachdem, welche Erfahrung wir mit dem wahrgenommenen Geruch gemacht haben, beurteilen wir ihn als positiv oder unangenehm.
"Generation Research Program"

Das ist der Name eines Projekts, das die Ludwig- Maximilians Universität München in Bad Tölz ins Leben gerufen hat. Ziel dieser Generationen übergreifenden Forschungsarbeit ist u. a. die Verbesserung der Lebensqualität bei fortschreitendem Lebensalter. Unter der Führung von Professor Dr. Matthias Laska werden die Veränderungen von Geruchsund Geschmackssinn und die damit verbundenen Einbußen an Lebensqualität untersucht. Die Ergebnisse legen einen Zusammenhang zwischen nachlassendem Geruchs- und Geschmacksempfinden und Depressionen nahe. Nur wer seine Umwelt bewusst wahrnimmt, auf ausgewogenes und schmackhaftes Essen achtet und dieses mit Genuss zu sich nimmt, beugt Mangelerscheinungen vor, steigert seine Lebensfreude und bleibt lange fit und gesund.

Erinnerungen und Emotionen sind stark an Düfte gekoppelt. Die warm duftende Sommerwiese lässt das Feriengefühl aus der Kindheit aufkommen ...der Gewürzkuchen riecht heimelig nach Weihnachten...


Düfte wecken Emotionen


Mit Düften verbinden wir Erinnerungen. Und das bis ins hohe Alter. Noch längst nachdem wir vergessen haben, wie die Bäckerei an der Straßenecke aussah oder hieß, wissen wir, wie es dort roch. Bei dem Geruch von Nelken denken wir an den Zahnarzt und bekommen vielleicht ein klammes Gefühl. Fernweh befällt uns beim Schnuppern an der Sonnencreme und uns läuft lustvoll und voller Vorfreude das Wasser im Mund zusammen, wenn wir unser Lieblingsgericht riechen. Aber haben Sie auch schon mal versucht, das köstliche Essen zu genießen, wenn Sie sich die Nase zuhalten?
Was wir schmecken können

Schmecken funktioniert nicht ohne Riechen. Die beiden Sinne hängen unmittelbar zusammen. Der Geschmackssinn an sich ist im Vergleich zum Geruchssinn völlig unterentwickelt. Für die Wahrnehmung sind so genannte Geschmacksknospen auf der Zunge verantwortlich. Ein Baby hat ca. 10.000 davon. Im Lauf eines Erwachsenenlebens reduzieren sie sich jedoch auf 600 bis 700. Die Zunge erkennt lediglich fünf verschiedene Geschmacksrichtungen: süß, salzig, bitter, sauer und umami. Umami ist japanisch und bedeutet "wohlschmeckend" oder "fleischig". Der Geschmack ist mit Glutamat, einem Geschmacksverstärker, vergleichbar. Alle anderen Geschmacksnuancen schmecken wir nicht, sondern wir riechen sie.
Wenn der Geruchssinn nachlässt

Mit zunehmendem Alter schwinden nicht nur die Geschmackssinneszellen, sondern auch die Fähigkeit zu riechen wird bei vielen schwächer. Das hängt zum einen mit der Verlangsamung der Zellteilung zusammen, so dass die Riechzellen nicht gleichmäßig erneuert werden, zum anderen mit den zahllosen Schadstoffemissionen in unserer Umwelt, die dauerhafte Schäden verursachen können. Auch durch Krankheiten kann die Fähigkeit des Riechens und Schmeckens verloren gehen. Beispiele hierfür sind Virusinfekte, Erkrankungen der Nasennebenhöhlen, Störungen im Hormonhaushalt, Zahnprobleme oder Medikamente. Reduziertes Riech- oder Schmeckvermögen kann auch ein Hinweis auf eine Parkinson- oder Alzheimer- Erkrankung sein.
Warum sind Riechen und Schmecken so wichtig? 

Ein funktionierender Geruchssinn hat viele Aspekte, die nicht zuletzt mit der Welt der Genüsse verbunden sind. Wer einen sensiblen Geruchssinn sein eigen nennt, nimmt seine Umwelt bewusst wahr. Er genießt den Duft von frisch gemähtem Rasen, köstlichem Kuchen oder der frischen Brise an der See. Außerdem steigt das Geschmackserleben, wenn man frische Kräuter aus einem Gericht herausschmecken kann oder einen besonderen Wein vor dem Trinken erst mal erschnuppert. Kurz gesagt: Die Lebensqualität ist um ein Vielfaches gesteigert. 
Währenddessen birgt das Nachlassen des Geruchssinnes einige Gefahren. Die Wahrnehmung von schädlichen Dämpfen, Gas oder Feuer ist beeinträchtigt. Verdorbene Lebensmittel können zu Lebensmittelvergiftungen führen. Wer gar die Freude am Essen verliert, neigt dazu, sich einseitig zu ernähren, was zu Mangelerscheinungen, Über- oder auch Untergewicht führen kann. Daraus resultieren Herz-/Kreislauferkrankungen und Stoffwechselstörungen. Daher sollte man, sobald man den Eindruck hat, schlechter riechen und schmecken zu können, einen Hals-Nasen-Ohrenarzt konsultieren, der zunächst prüft, ob die subjektive Wahrnehmung berechtigt ist.


So steigert man die Lebensqualität 

Es gibt einige Tricks, um sich die Geruchs- und Geschmackswelt offen zu halten. Der wichtigste Aspekt ist dabei die bewusste Wahrnehmung. Schnuppern Sie an den Dingen, nehmen Sie Gerüche wahr und versuchen Sie, die Düfte zu beschreiben - in allen Lebenssituationen. Das ist gar nicht so einfach, weil unsere Sprache wenige Worte für Gerüche kennt. Aber es ist interessant, Vergleiche zu finden nach dem Motto "Das riecht wie ... ". Spielen Sie mit Düften. Wonach riecht der Sommer? Wo kommt der sanfte Geruch beim Spaziergang her? Riecht leichter Regen anders als ein Wolkenbruch? 
Sparen Sie beim Kochen nicht an Gewürzen und versuchen Sie, sie herauszuschmecken. Würzen Sie stärker und bewusster und gegebenenfalls zusätzlich noch mal am Tisch. Achten Sie auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung. Probieren Sie neue Gerichte und fremde Geschmacksvarianten. Sie werden sehen, es macht Spaß. Sie nehmen Ihre Umwelt bewusst in sich auf, mit all Ihren Sinnen. 
Künstlerisch veranlagte Menschen verfügen oft über so genannte synästhetische Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, unterschiedliche Sinneseindrücke zugleich wahrzunehmen und auszudrücken: Der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov sah beispielsweise Zeit seines Lebens den Buchstaben "c" hellblau leuchten. Und die portugiesische Künstlerin Zé Ventura erlebt ihr Schaffen sogar so intensiv, dass sie Farben schmecken kann und fühlt, wie ein Bild wächst.

Sybille Hepe

 Tipp: 

Aromatherapie 

Der Glaube an die Kraft guter Düfte ist schon Jahrtausende alt. Früher beschwor man die Geister mit Weihrauch und Myrrhe, heute stehen unzählige Duftöle zur Beeinflussung der Sinne zur Auswahl. Citrusduft belebt, Salbei und Lavendel beruhigen, Rosmarin wirkt anregend, Eukalyptus hilft bei Erkältung. 
Aromen lassen sich verdampfen, einreiben, man kann sie ins Badewasser geben und als Massageöl benutzen. Probieren Sie es aus, genießen Sie es und trainieren Sie Ihr Gehirn, so viele Düfte wie möglich zu unterscheiden! 

 Buchtipps: 

Aromatherapie von A-Z, Patricia Davis, Rita Höner, Goldmann Verlag 8,90 €

Düfte - Abenteuer für Nase und Gefühl, Reinhild Berger, Hirzel Verlag, 9,90 €

Der Duft der Verführung, Das unbewusste Riechen und die Macht der Lockstoffe, eine höchst interessante Arbeit eines Evolutionsbiologen zur Entwicklungsgeschichte und Bedeutung des Geruchssinns, Lyall Watson, S. Fischer Verlag 2001, 19,00 €

 Adressen: 

Deutscher Berufsverband der Hals-, Nasen-, Ohrenärzte e. V., Haart 221, 24504 Neumünster, Telefon 04321 97250, www.hno-aerzte.de

Ausgabe 2 / 2004