Sizilien – wo das Abendland beginnt

   
Die Trinakria – der von
Schlangen und Flügeln
umschlossene Frauenkopf,
aus dem drei Beine
wachsen – ist seit der
Antike das Symbol
für Sizilien und
verweist auf die
dreieckige Form
der Insel.
Trinakria, die Dreieckige, so nannte man die größte Insel des Mittelmeeres in der Antike. Sizilien fesselte und beflügelte schon seit alters her die Denker und Dichter. „Italien ohne Sizilien macht kein Bild in der Seele: hier ist der Schlüssel zu allem“ hielt der Bildungstourist Goethe in seinen Aufzeichnungen fest. Sizilien ist überraschend, immer wieder neu und stets dramatisch: ob Mandelblüte, weite Kornfelder, Vulkane, Steilküsten, Strände, Barockstädte, arabische Kuppeln, Villen der Römer, klassische Tempel oder griechische Amphitheater. Sizilien ist mehr als ein Freilichtmuseum europäischer Kulturgeschichte, das durch die ungestüme Herzlichkeit seiner stolzen Insulaner pulsiert und lebt.
  Griechische Kultur unter sizilianischem Himmel
  Möchten Sie zum Beispiel das antike Griechenland kennenlernen? Dann fahren Sie nach Sizilien! So paradox dies auch klingen mag, die Südostküste Siziliens wird Sie in die Welt der griechischen Tempel, Theater, Kultstätten und Monumente entführen. Für jeden, der heute das Theater in Taormina und Syrakus besucht oder durch das Tal der Tempel Agrigents schreitet, wird die altgriechische Vergangenheit lebendig.
  Taormina, auf der Sonnenterrasse hoch überm Meer







Das griechisch-römische Theater in Taormina fasziniert durch seine perfekte Einbettung in die Landschaft und sein atemberaubendes Panorama auf das türkise Meer und den rauchenden Ätna.
Die Lage des kleinen Städtchens versetzt seit Jahrhunderten Besucher in helles Entzücken: hoch über der Steilküste, an den Felsen geschmiegt, liegen die Häuser im Schatten des allgegenwärtigen Ätna. Der Charme Taorminas entfaltet sich vor allem auf den kleinen, mit Blumen geschmückten Plätzen, in den gut erhaltenen Fassaden und den verwinkelten Treppengässchen. Der Corso Umberto, Lebensnerv und Flanierstraße des Ortes, wird gesäumt von liebevoll restaurierten Herrenhäusern. Die Auslagen im Parterre sind mehr als verführerisch – süße Köstlichkeiten, feine Lederwaren oder Kunsthandwerk locken ebenso wie die landestypische Küche. Doch es ist wohl der Postkartenblick vom griechisch-römischen Theater, dem Teatro Greco, der Taormina zum meistbesuchten Ferienort Siziliens macht. Etwa im 3. Jahrhundert vor Christus errichteten die Griechen in Panoramalage vor der Landschaftskulisse des Ätna das ursprüngliche Theater, das später von den Römern umgebaut und auf seine heutige Größe erweitert wurde. Mit den Römern gerieten die feinsinnigen griechischen Tragödien allerdings in Vergessenheit und Gladiatorenkämpfe sorgten für die Unterhaltung des antiken Publikums. Heute werden in den Sommermonaten wieder Theateraufführungen sowie Konzerte in historischer Kulisse veranstaltet. Nicht nur zu nächtlicher Stunde, sondern vor allem am frühen Morgen, lässt sich die bezaubernde Atmosphäre des Ortes am besten einfangen. Dann, wenn noch Stille und Einsamkeit die antiken Säulen umweben, wenn die Luft noch klar ist und der nahe Ätna sein geheimnisvolles Antlitz unverhüllt zeigt, werden die schwärmerischen Worte Goethes wieder lebendig, der Taormina vor rund 200 Jahren als „eine paradiesische Ecke“ bezeichnete. 
  Syrakus im Hauch der Vergangenheit
Kurze, aber ruhmvolle drei Jahrhunderte dauerte die Blütezeit des antiken Syrakus, einst eine der reichsten und größten Metropolen des Mittelmeers. Nach Angaben von Geschichtsschreibern sollen in der Stadt etwa eine halbe Million Menschen gelebt haben. Ihr glanzvoller Ruf zog Intellektuelle wie Archimedes, Platon oder Aischylos an, die Syrakus zur kulturellen und wissenschaftlichen Hauptstadt der Griechen auf italienischem Boden werden ließen. Das antike Syrakus war eine Stadt der Superlative, der überdeutlichen Demonstration von Macht: die größte Festung Altgriechenlands mit dem größten Verlies und das drittgrößte Theater der Welt. Noch heute spiegelt der Aufbau der Stadt die vergangenen Tage des Syrakus der Griechen wider. Die Insel Ortigia, mit dem alten Kern, dem Apollotempel, der Quelle der Arethusa und dem ehemaligen Athenetempel ist durch einen Damm mit dem Festland verbunden. Es ist das lebendige Zentrum des heutigen Syrakus mit engen Gassen, großzügigen Plätzen, reich im Stil des Barock verzierten Kirchen, Brunnen und Palästen. Der Parco Archeologico auf dem Festland umfasst einen ganzen antiken Stadtteil mit dem „Ohr des Dionysos“. In dieser fast 60 Meter langen Höhle soll der Tyrann mit Hilfe der fabelhaften Akustik die gefangenen Feinde belauscht haben.
  Agrigent, im Tal der Tempel

Das archäologische
Highlight Siziliens:
Im Tal der Tempel bei
Agrigent reihen sich,
wie an einer Perlenschnur,
Tempel an
Tempelruinen.
Früh am Morgen, vielleicht vor Sonnenaufgang oder gegen Abend sollte man das Tal der Tempel erkunden, das sich auf einem zum Meer hin abfallenden Plateau unterhalb von Agrigent erstreckt. Das Gelände gleicht einem Schlachtfeld der Giganten aus Säulenteilen, Quadern und Brocken von Steinbalken, die sich inmitten einer lichten und heiteren Landschaft gruppieren. Schmuckstück und Besuchermagnet ist der um 425 v. Chr. erbaute Concordiatempel, der zu den am besten erhaltenen griechischen Tempeln zählt. Der gute bauliche Zustand des Gebäudes ist dem Bischof von Agrigent zu verdanken, der den Tempel in eine christliche Kirche verwandelte und hierfür die Säulen mit Mauern verband. So gestützt überstand der Tempel die Erdbeben nahezu unbeschadet, bis auf das Dach, das den Naturgewalten zum Opfer fiel. Ein gutes Stück Fantasie ist gefordert, sich die gesamten sandgelben Bauten im Tal der Tempel mit den einstigen Verzierungen, Stuckverkleidungen und bunten Bemalungen vorzustellen. Hier lebte man nicht schlecht in Saus und Braus, Luxus und Dekadenz. Ein kritischer Zeitgenosse bemerkt: „Sie essen, als ob sie morgen sterben müssten, und sie bauen, als ob sie ewig leben sollten“.
  Sizilianischer Gaumenkitzel

In vielen sizilianischen Spezialitäten spiegeln sich die Einfüsse fremder
Kulturen wider. Die Vorliebe für Süßes, kombiniert mit Salzigem und Saurem, verdankt die sizilianische Küche beispielsweise der arabischen Tradition.
Die Küche des Eilandes spiegelt die Einflüsse fremder Kulturen wider, die reiche Vielfalt frischer Zutaten wird kombiniert mit einer einfallsreichen Arme- Leute-Küche. Der arabischen Tradition verdankt die sizilianische Küche eine Vorliebe für kontrastreiche Genüsse: Süßes wird kombiniert mit Salzigem oder Saurem. Wie zum Beispiel die Arancine, safrangelbe Reiskugeln, die goldgelb frittiert werden. Ihr Innenleben bleibt eine Überraschung aus gedünstetem Gemüse, Käse, Fisch oder Fleisch. Die Gerichte sind insgesamt so vielseitig, dass jeder auf seine Kosten kommt. Das sizilianische Nationalgericht, die Caponata, ist eine Kreation aus Auberginen, Tomaten, Kürbis, Oliven und Kapern, die zu einem Gemüsemus gekocht werden. Sonntags wird traditionell der Falso Magro alla Siciliana, ein Stück gefülltes Kalbfleisch, serviert. Das Meer rund um Sizilien ist allerdings der Hauptlieferant für die heimischen Kochtöpfe, in die vor allem Schwertfische, Sardinen, Thun-, Tinten- und Stockfische sowie Muscheln und Krabben wandern. Die Seppie Ripiene, in einem der Hafenlokale frisch zubereitet, sind ein Gedicht. Hierfür werden kleine Tintenfische mit Pecorinokäse, Petersilie und Ei gefüllt und gegrillt. Berühmt und berüchtigt sind die Auslagen der Pasticcerien, der Konditoreien. Die Farb- und Formenvielfalt der Kreationen aus Zucker ist grenzenlos. Kleine Törtchen und Kuchen, kandierte Früchte, gefüllte Teigröllchen, Mandelkonfekt, Nougat und Marzipan türmen sich kunstvoll in den Vitrinen und werden von den Sizilianern wie von den Besuchern geliebt und verflucht. 
  Sizilien, ein Ort für Körper und Seele
  Häufig ziert eine Wolke selbst an sonnigen Tagen die Gipfel von Ätna und Stromboli, und über der Insel Vulcano weht ein Duft, der nur dem Höllenfürst angenehm sein dürfte. Diesem überall gegenwärtigen vulkanischen Erbe verdanken Sizilien und die der nördlichen Küste vorgelagerten Liparischen Inseln (beziehungsweise Äolischen Inseln) zahlreiche mineralhaltige Quellen und Thermalbäder. Schon in der Antike wurde in Italien Thermalwasser zur Hydrotherapie verwendet, und öffentliche Badeanstalten zählten zu den typischen Einrichtungen des städtischen Lebens. Kein Wunder, dass die traditionellen Thermalbäder, meist eingebettet in eine wunderbare Naturlandschaft, in der Nähe der großen Kulturstätten liegen – hervorragende Ausgangspunkte, um die Insel zu erkunden. Sizilien ist eine sonnenerfüllte Insel mit kontrastreicher Natur und einer herrlichen Küste. Hier auf der Bühne der Götter blättert man zwischen Mandelbäumen und Olivenhainen im offenen Geschichtsbuch des Abendlandes. Aber darüber hinaus können sich Urlauber auf der Insel in den Thermalbädern verwöhnen lassen, die Sinnesfreuden der bunten regionalen Küche und die turbulente Lebensfreude der Menschen genießen. 
  Die schönsten Thermen
  Zu den beliebtesten Zielen für den gesundheitsbewussten Touristen zählen an der Ostküste die dem Ätna zu Füssen liegenden Städtchen Acireale und Ali, die sich mit salz-, brom-, jod- und schwefelhaltigen Quellen auf die Therapie von Arthrosen, Rheuma, Atmungsorganen sowie Hautproblemen spezialisiert haben. Bei Sizilianern und Festlandsitalienern gleichermaßen beliebt sind die heilenden Schlämme und Thermen auf Vulcano. Die Heißeste der Äolischen Inseln bietet den Erholungssuchenden eine Wellnessoase im Naturzustand. Unter freiem Himmel oder im Kurhaus gleich neben dem Strand kann man im schwefelhaltigen Schlamm eintauchen oder an den rauchenden Fumarolen eine Art Dampfbad nehmen. Im sonnenerwärmten und ebenfalls von heißen Quellen gespeisten Meer wird die natürliche Fangopackung wieder abgewaschen, und die Reinigung kann der Besucher gleich mit einem Bad in den Fluten verbinden. Der Schwefelschlamm wirkt lindernd bei entzündlichen Erkrankungen der Gelenke und der Haut sowie bei Nerven- und Verdauungsleiden. Auch an der Nordküste Siziliens oder im Landesinneren trifft der Besucher auf herausragende Kur- und Thermalbäder wie Castroreale, Imerese, Termini, Segestane, Calatafimi, Sclafani oder Sciacca im Südwesten der Insel unweit der Tempelanlagen von Agrigent.  
 
Bettina Forst
 

Reiseinformationen:  

Praktische Informationen rund um Sizilien erhält man über das Italienische Fremdenverkehrsamt ENIT – Ente Nazionale Italiano per il Tourismo –
in drei deutschen Städten:
Kaiserstr. 65, 60329 Frankfurt, Tel.: 069 23 74 34,
Lenbachplatz 2, 80333 München, Tel.: 089 53 13 17,
Friedrichstr. 187, 10117 Berlin, Tel.: 030 2 47 83 98.

Im Internet findet sich das Fremdenverkehrsamt unter der Adresse www.enit.it

Reisezeit und Klima:  
Sizilien hat ein mediterranes Klima mit angenehmen Durchschnittstemperaturen an der Küste und meist recht extremen Temperaturunterschieden im Landesinneren. Der Frühling beginnt mit der Mandelblüte bereits im Februar. März und April sind die farbenfrohesten Monate mit angenehm warmen Tagen, wobei es nachts noch recht frisch werden kann. Die günstigste Reisezeit liegt zwischen April und Mitte Juni sowie von September bis Oktober. Die Tagestemperaturen variieren etwa um 26°C, und die Nachttemperaturen laden schon zum Speisen unter freiem Himmel ein.

Gesundheit:  

Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor sowie eine Kopfbedeckung gehören unbedingt in das Reisegepäck. Impfungen sind nicht vorgeschrieben, jedoch ist ein Impfschutz gegen Tetanus, Diphterie, Polio und Hepatitis empfehlenswert. Beim Genuss von Leitungswasser ist Vorsicht geboten. Besser auf Wasserflaschen zurückgreifen. Bei Speiseeis kann im Normalfall getrost geschlemmt werden, da der rasche Umsatz die Frische und Güte garantiert. 

 Anreise: 

Die Flughäfen von Catania und Palermo sind von allen internationalen Flughäfen Deutschlands erreichbar. Bei rechtzeitiger Buchung kann man vor allem in der Nebensaison zu günstigen Tarifen fl iegen. Eine bequeme Alternative ist die Anreise per Schiff/Fähre ab Genua oder Livorno; allerdings sollte die Buchung der Überfahrt mit dem Auto etwa zwei Monate im Voraus erfolgen.

Reiseliteratur: 

Odyssee, Homer, Reclam Verlag, 6,60 €
Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, Johann Gottfried Seume, Insel Verlag Frankfurt, 32,90 €

Reiseführer: 

Sizilien, Sizilien!, Ralph Giordano, Kiepenheuer & Witsch, 9,90 €
Sizilien mit flipmap, Polyglott Verlag, 7,95 €
Sizilien, Polyglott-Apa-Guide, Apa Verlag, 19,95 €

Ausgabe 1 / 2005