Statement von Ulla
Schmidt anlässlich der Gründungsveranstaltung des Vereins
"Aktion Demenz" am 5. Mai 2006 in Berlin:
Sehr geehrte Damen und Herren,
Der medizinische Fortschritt, gute
hygienische Bedingungen und
Ernährung führen dazu, dass wir immer älter werden. Das
ist eine gute Entwicklung. Doch leider nehmen im hohen Alter - trotz
unserer Hochleistungsmedizin - die Erkrankungen und Gebrechen zu. Mehr
Menschen werden in Zukunft auf professionelle medizinische Hilfe und
Pflege angewiesen sein. Schätzungen gehen davon aus, dass sich die
Zahl der pflegebedürftigen Personen von heute zwei Millionen auf
gut drei Millionen im Jahr 2030 erhöhen wird.
Diese Zahlen machen deutlich, wie
notwendig es ist, frühzeitig die
richtigen Weichen zu stellen. Alte und kranke Menschen haben das Recht
auf ein menschenwürdiges und - so lange es geht - möglichst
selbstständiges Leben. Vor allem müssen wir die Betreuung
altersverwirrter Menschen verbessern und ausbauen, denn Demenz
gehört zu den häufigsten Erkrankungen im Alter. Im
Koalitionsvertrag ist daher ein Leuchtturmprojekt Demenz vereinbart,
das auf einen besseren Austausch und eine bessere Abstimmung der
vielfältigen Aktivitäten im Bereich der Versorgung
Demenzkranker zielt.
In Deutschland leiden derzeit etwa
1,2 Millionen Menschen an Demenz.
Die Krankheit ist gekennzeichnet durch Störungen des
Gedächtnisses und des Denkvermögens. Häufig kommen
Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen hinzu. Demenz
bedeutet den Verlust von Selbstständigkeit. Früher starke und
selbstständige Menschen benötigen auf einmal Pflege rund um
die Uhr, denn sie können die alltäglichen Dinge nicht mehr
alleine bewältigen. So vergessen und verlernen sie zu trinken und
zu essen, weil sich ihr Hunger- und Durstgefühl verändert.
Die Erinnerung an die Vergangenheit erlöscht ebenso wie der Blick
in die Zukunft. Demenzkranke leben in ihrer eigenen Welt. Ihre
Handlungen sind für uns daher oft nur schwer oder gar nicht
nachvollziehbar.
Das stellt hohe Anforderungen an die
Betreuung der Betroffenen.
Besonders für Angehörige ist diese Aufgabe mit
körperlichen, aber vor allem auch psychischen Belastungen
verbunden. Sie benötigen viel Kraft und Unterstützung. Den
ersten Schritt zur Verbesserung der Situation Demenzkranker und ihrer
Angehörigen haben wir mit dem
Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetz getan. Der zusätzliche
Betreuungsbetrag von 460 Euro im Jahr sowie die Möglichkeit, einen
weiteren Beratungsbesuch in Anspruch zu nehmen, stützen die
häusliche Pflege demenzkranker Menschen.
Die Fortentwicklung und Absicherung
von ambulanten Angeboten hat
für uns besondere Bedeutung, weil die meisten
Pflegebedürftigen in ihrer vertrauten Umgebung und, was noch
wichtiger ist, nahe den ihnen vertrauten Menschen gepflegt werden
wollen.
Auch im stationären Bereich
benötigen wir qualifiziertes
Pflege- und Betreuungspersonal. Das Bundesministerium für
Gesundheit hat daher ein Forschungsprojekt zur Entwicklung von
Rahmenempfehlungen für demenziell Erkrankte finanziell
unterstützt. Ziel ist es, das Personal für das oft nur schwer
nachvollziehbare Verhalten der Erkrankten zu sensibilisieren und
dadurch eine optimale Betreuung in der stationären Pflege
sicherzustellen. Die Ergebnisse und Empfehlungen werden Mitte Mai
vorgestellt.
Mit der in diesem Jahr anstehenden
Reform der Pflegeversicherung werden
wir weitere Schritte hin zu einer bedarfsgerechten Versorgung der
Betroffenen gehen. Die Pflegeversicherung muss den allgemeinen
Beaufsichtigungs- und Betreuungsaufwand von Menschen mit
eingeschränkter Alltagskompetenz besser berücksichtigen. Ein
ausgewogenes Gesamtkonzept muss sich darüber hinaus auch mit
Prävention beschäftigen, mit der Frage, wie wir gesund alt
werden.
Die Bundesregierung möchte die
Zusammenarbeit zwischen Patienten,
Wissenschaftlern, Angehörigen und Ärzten verbessern. Das ist
das Ziel des "Kompetenznetz Demenzen", das im Rahmen des
Gesundheitsforschungsprogramms gefördert wird. Das
wissenschaftliche Programm legt besonderen Wert auf die Verbesserung
der Frühdiagnose und die Etablierung neuer Therapiemethoden.
Bundeseinheitliche Richtlinien für die Diagnostik und Therapie
demenzieller Erkrankungen sollen hier entwickelt werden. Wir wollen mit
einem verbesserten Austausch zwischen Wissenschaftlern und Praktikern
ein Höchstmaß an Versorgungsqualität für die
betroffenen Patienten sicherstellen.
Die Verbesserung der
Versorgungssituation demenziell erkrankter
Menschen kann jedoch nicht nur allein durch Maßnahmen der
Bundesregierung erreicht werden. Es handelt sich hier vielmehr um eine
Gemeinschaftsaufgabe, für deren Erfüllung jeder in seinem
Aufgabenbereich Verantwortung zu tragen hat. Die Lebensqualität
der Betroffenen und ihrer Pflegenden hängt wesentlich von der
Haltung unserer Gesellschaft ab. Wir müssen Demenz und ihre Folgen
enttabuisieren und Ängste abbauen. Dazu bedarf es wirksamer
Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit. Die heute vorgestellte
Initiative der Robert Bosch Stiftung trägt diesem Erfordernis
besonders Rechnung.
Vielen Dank!