Die Herausforderung unserer Zukunft:
Demenz
Was die Forschung heute weiß und was Sie selbst tun können

Es ist an der Zeit, die Augen nicht länger vor Demenz-Krankheiten zu verschließen. Infor- mieren Sie sich über den Stand der Wissenschaft und erfahren Sie, wie Sie einem möglichen Abbau der Gehirnleistung am besten vorbeu
gen.


Demenz ist ein Thema, das jeden von uns angeht. Denn diese Verluste der Gehirnleistung sind nach Krebs die größte medizinische, soziale und gesundheitspolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Im Jahr 1906, also vor genau 100 Jahren, hatte der deutsche Neurologe Alois Alzheimer bei einer verwirrten Patientin spezielle Eiweißablagerungen im Gehirn gefunden und ihre Erkrankung genau beschrieben. Er hat damit die so genannte Alzheimer-Demenz entdeckt. Sie ist die häufigste, aber nicht die einzige Form von geistigem Funktionsverlust. Wird sie frühzeitig erkannt und behandelt, gewinnen Patienten und ihr Umfeld mitunter Jahre an Lebensqualität hinzu. Wer weiß, wie er mit einem dementen Menschen am besten umgeht, macht es sich und dem Betroffenen leichter, mit der Diagnose klar zu kommen.

Demenz: Was heißt das eigentlich?

Fachleute fassen heute mit dem Begriff Demenz verschiedene Krankheitsbilder zusammen, bei denen Gehirnfunktionen wie Denken und Erinnern, Orientierung und Kombination von Inhalten langsam oder plötzlich verloren gehen. Zu einer Demenz gehören aber auch Änderungen im Fühlen und Verhalten und Probleme beim Bewegen, zum Beispiel beim Gehen. Streng genommen ist Demenz keine Krankheit, sondern ein Syndrom – das gleichzeitige Auftreten bestimmter Krankheitszeichen. Sie äußern sich bei jedem Betroffenen anders: Es gibt über 50 verschiedene Formen von Demenz. Für den Arzt ist es oft nicht einfach, die richtige Diagnose zu treffen, aber weil sich Verlauf und Behandlung deutlich unterscheiden, ist es wichtig, die jeweilige Form genau herauszufinden.




1 Demenz mit Lewy-Körperchen
Diese Demenzform wird auch Altersdemenz mit Parkinson genannt, denn Lewy-Körperchen sind spezielle runde Zellen im Gehirn, die bei der Parkinson-Krankheit entstehen. Sie können mit Hilfe des Farbstoffs Eosin nachgewiesen werden. Die Demenz mit Lewy-Körperchen äußert sich – anders als die Alzheimer-Krankheit – durch ausgeprägte Leistungsschwankungen und Halluzinationen. Hinzu kommen die Krankheitszeichen der Parkinson-Krankheit, also Bewegungsarmut, Zittern in Ruhe, Muskelsteife, Gang- und Gleichgewichtsstörungen.

2 Frontotemporale Demenz
Die Frontotemporale Demenz heißt nach ihrem Entdecker auch Morbus Pick. Frontotemporal bezeichnet die Region, in der die Veränderungen im Gehirn bei dieser Form der Demenz beginnen: an den Frontal- und Temporallappen, also Stirn- und Schläfenlappen des Gehirns, die vorne seitlich liegen. Dort befinden sich das Sprachzentrum und das Gebiet, in dem viele durch Erziehung erlernte Verhaltensweisen verarbeitet werden. Diese Form der Demenz beginnt ebenfalls anders als die Alzheimer-Krankheit, nämlich mit Sprachstörungen und Verhaltensauffälligkeiten, zudem früher, mit 60 Jahren oder noch eher. Da die Frontotemporale Demenz selten vorkommt, ist darüber weniger bekannt als über andere Formen von Demenz.


Was sind die Ursachen von Demenz?

Die Ursache einer Demenz ist immer das Absterben von Nervenzellen im Gehirn. Heute weiß man, dass bei der Alzheimer-Krankheit bestimmte Eiweiße, die Amyloide, verklumpen. Sie lagern sich fleckenförmig in bestimmten Regionen des Gehirns ab, besonders im Hippocampus, aber auch in der Großhirnrinde. Dann können die Nervenzellen in diesen Regionen nicht mehr richtig arbeiten. Zudem ist das Gleichgewicht der Botenstoffe gestört, über die die Nervenzellen miteinander kommunizieren. Bei der Alzheimer-Krankheit gibt es zu wenig von dem Botenstoff Acetylcholin und zu viel Glutamat. Wenn zu wenig Acetylcholin vorhanden ist, werden die Impulse zwischen den Nervenzellen nicht mehr richtig übertragen. Es entstehen Fehler, und Informationen werden nicht mehr richtig abgespeichert oder abgerufen. Lernen und Erinnerung sind nicht mehr möglich. Glutamat hingegen erregt und aktiviert die Nervenzellen. Ein Zuviel an Glutamat sorgt deshalb für eine dauerhafte Übererregung. Das schädigt die Nervenzellen und lässt sie schließlich absterben.

Was weiß die Forschung heute?

Hilft Gold bei Alzheimer?
Gibt man Gold und Proteine zusammen und bestrahlt sie anschließend mit schwachen Mikro- wellen, lösen sich die alzheimerspezifischen Eiweiße auf. Das ist im Reagenzglas erwiesen. Ein spanisch- chilenisches Forscherteam untersucht derzeit, ob diese Methode Alzheimer-Patienten wirksam helfen kann.

Warum die Eiweiße verklumpen und die Botenstoffe aus dem Gleichgewicht geraten, ist bisher nicht geklärt. Die Forschung untersucht derzeit unter anderem, ob Metalle die Alzheimer-Krankheit verursachen, eine Immunisierung möglich ist und ob Demenzen genetisch bedingt sind. Aluminium und Amalgam konnten als Ursache einer Demenz ausgeschlossen werden. Regelmäßiger Kontakt mit Blei scheint hingegen das Erkrankungsrisiko zu erhöhen. Seit neuestem gilt als sicher, dass die Alzheimer-Krankheit mit einem Kupfermangel einhergeht. Die erste weltweite Kupfertherapiestudie, die am Universitätsklinikum des Saarlandes in Bad Homburg durchgeführt wird, hat positive Zwischenergebnisse zu vermelden: Die Einnahme von Kupfer als Nahrungsergänzungsmittel scheint das Fortschreiten einer Alzheimer-Demenz aufzuhalten. Schon jetzt ist klar, dass alle Patienten das Präparat gut vertragen und keine Nebenwirkungen auftreten. Patienten mit hohem Kupferspiegel im Plasma hatten deutlich bessere Erinnerungs- und Denkleistungen. Mit abschließenden Ergebnissen ist im zweiten Halbjahr 2006 zu rechnen.

Impfung gegen Alzheimer?

Ist eine Impfung gegen Alzheimer-Demenz möglich? Forscher arbeiten fieberhaft an einer passiven Immunisierung gegen diejenigen Eiweiße, die die Gehirnkrankheit verursachen.
Seit April 2004 untersuchen 39 Arbeitsgruppen in zwölf Ländern Europas, ob eine Impfung mit den Eiweißstoffen, die die Alzheimer-Krankheit verursachen, in den ursächlichen Mechanismus eingreifen und die Krankheit aufhalten kann. Das Ergebnis: Eine Demenz schreitet dadurch langsamer fort, und das Volumen des Gehirns im Hippocampus nimmt wieder zu. Das Forschungsprojekt zur aktiven Immunisierung wurde jedoch abgebrochen, weil gehäuft Hirnhautentzündungen auftraten. Zukünftig steht die passive Immunisierung im Mittelpunkt, also die Gabe von Antikörpern gegen die Eiweiße, die die Alzheimer-Krankheit verursachen.

Demenz und Lebensalter

Das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter. Bei Menschen zwischen 40 und 64 Jahren ist eine Demenz sehr selten. Bei 65-bis 69-Jährigen liegt die Erkrankungsrate bei 1 %, bei 90-Jährigen bereits zwischen 30 und 40 %. Es muss auch betont werden, dass Vergesslichkeit und Demenz nicht zwangsläufig zum Älterwerden gehören.


Liegt die Antwort in den Genen?

Ein internationales Forscherteam der University of Southern California in Los Angeles hat bei der Untersuchung von Zwillingspaaren im Alter ab 65 Jahren herausgefunden, dass das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, zu etwa 80 % genetisch festgelegt ist und zu etwa 20 % von Umweltfaktoren bestimmt wird. Die Gene haben auch entscheidenden Einfluss darauf, wann die Krankheit beginnt. Die Studienleiterin betont, dass der Einfluss von Lebensweise und Umweltbedingungen trotz oder gerade wegen dieser Ergebnisse nicht unterschätzt werden darf. Sie sind das Rad, an dem wir drehen können. Hier muss die Prävention ansetzen.


Vorbeugung: Was können Sie tun?

Wer regelmäßig sportlich aktiv ist, senkt sein Demenz-Risiko um 40%!
Vorbeugen ist immer besser als Therapieren. Durch eine gesunde Lebensweise kann man einigen Formen von Demenz vorbeugen. Ein Studienteam aus Seattle fand heraus, dass das Risiko, an Demenz zu erkranken, um 40 % geringer ist, wenn man regelmäßig Sport treibt. Eine amerikanische Studie des National Institute of Health hat nachgewiesen, dass Menschen, die in den mittleren Jahren ihres Lebens stark übergewichtig sind, ein um 74 % höheres Erkrankungsrisiko haben. Bei stark übergewichtigen Frauen steigt das Risiko sogar um 200 %.

Am besten bekannt sind die beeinflussbaren Risiken von gefäßbedingten – also vaskulären – Demenzen. Sie können diesen vorbeugen, indem Sie
 für normalen Blutdruck sorgen,
auf ein normales Gewicht achten,
 regelmäßig Sport treiben,
 sich fettarm ernähren,
 sich geistig betätigen,
 mit Alkohol maßvoll umgehen und
 nicht rauchen.

Ob diese Maßnahmen auch das Risiko senken, die Alzheimer-Krankheit zu bekommen, ist noch umstritten.

   
Früherkennung: Worauf sollten Sie achten?


Verständlicherweise geben Menschen Krankheitszeichen wie Vergesslichkeit oder Schwierigkeiten in der Orientierung nicht gerne zu. Das ist unangenehm und – wenn diese Probleme anhalten – mit Angst vor der Diagnose Alzheimer verbunden. Schweigen und Nicht-wahr-haben-Wollen verhindern jedoch oft eine rechtzeitige Diagnose und damit auch eine frühe Therapie, durch die Betroffene und ihr Umfeld Jahre an Lebensqualität hinzugewinnen können. Es ist daher besonders wichtig, Warnzeichen bei sich selbst, bei Familienangehörigen wie Eltern oder Großeltern, aber auch im Freundeskreis wahrzunehmen und anzusprechen.

Anzeichen für eine Demenz

  nachlassendes Kurzzeitgedächtnis,
schlechtere Orientierung in Raum und Zeit,
  weniger Lust auf Sozialkontakte und Hobbys,
größere Feindseligkeit,
unbegründete Unterstellungen,
dauernde Unruhe und
 veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus

Therapie: So lange wie möglich selbstständig
Ulla Schmidt, Bundesministerin für Gesundheit:
"Demenzkranke Menschen haben ein Recht auf ein menschenwürdiges  Leben".
Die Therapie hängt von der jeweiligen Form der Demenz ab. Bei begleitenden Demenzen muss die Grunderkrankung behandelt werden, bei vaskulären die Gefäßerkrankung. Menschen mit der Alzheimer-Krankheit bekommen in der Regel Antidementiva – Arzneimittel zur Verbesserung der Hirnleistung. Dadurch schreitet die Krankheit langsamer fort, und einige Beschwerden bessern sich vorübergehend. Heilen oder ganz aufhalten kann man die Alzheimer-Demenz bisher nicht. Das Ziel weiterer Maßnahmen ist es, die Selbstständigkeit der Betroffenen so lange wie möglich zu erhalten.

In einer weiteren Folge zum Thema Demenz berichtet go longlife! über den richtigen Umgang mit dementen Menschen z. B. mit der Technik der Validation. Diese hilft, die Kommunikation zu verbessern und dementen Menschen Würde und Glück zurückzugeben.

Karin Franke

Nachlassendes Gedächtnis:
Augen auf – und helfen!

Alzheimer-Demenz wird nach wie vor zu spät erkannt und behandelt. Dabei kann gerade bei frühzeitiger Therapie der ständige Verlust von Gehirnfunktionen verlangsamt werden.

Warum ist das Erkennen so schwierig?
Leidet ein Mensch unter einer Krankheit, verspürt er meist Beschwerden und entscheidet selbst, ob er etwas dagegen unternimmt. Anders bei einer Demenz: Anfangs gestehen sich Betroffene Veränderungen wie Vergesslichkeit und Wiederholen von gleichen Fragen nicht ein bzw. nehmen diese gar nicht wahr. Auch für die Angehörigen ist dieser sehr schleichende Prozess schwierig zu bemerken. Nörgeln und Aufgeben von Hobbys und sozialen Kontakten werden meist aus Unkenntnis als normale Alterserscheinungen interpretiert. Befindet sich die Alzheimer-Demenz in einem mittleren Stadium, ist das Denkvermögen bereits so gestört, dass selbst Tätigkeiten wie Kochen nicht mehr möglich sind. Der Betroffene wird in dieser Phase von sich aus keinen Arzt aufsuchen. Er ist auf Hilfe angewiesen. Ganz wichtig: Je früher er diese bekommt, desto besser.

Die Verschlimmerung abbremsen
Nur 13 % der Alzheimer-Erkrankten erhalten Medikamente, die von medizinischen Fachgesellschaften empfohlen werden. Anders gesagt: 87 % bekommen keine Medikamente oder solche ohne nachgewiesenen Nutzen. Hinzu kommt die hohe Zahl der Erkrankungen ohne Diagnosestellung durch den Arzt. Alzheimer-Demenz kann bisher nicht geheilt, jedoch ein Fortschreiten verlangsamt werden. Beispielsweise wurde bei Patienten nach 48-monatiger Therapie mit Galantamin – einem Wirkstoff, der den Abbau des Botenstoffes Acetylcholin hemmt – die Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten um mehr als 2 Jahre verzögert. Weitere Informationen finden Sie unter www.altern-in-wuerde.de.



Die Verschlimmerung der Alzheimer-Demenz – wie etwa das Stadium der absoluten Pflegebedürftigkeit – kann durch eine frühzeitige medikamentöse Behandlung um mehr als 2 Jahre verzögert werden.

     

Verein "Aktion Demenz" gegründet
Mit dem Ziel, Demenzerkrankungen in Deutschland gesellschaftlich zu enttabuisieren, wurde der Verein "Aktion Demenz - Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz" gegründet. Angesichts der wachsenden Zahl der Demenzkranken und ihres drohenden sozialen Ausschlusses wird die staatliche Daseinsfürsorge durch zivilgesellschaftliches Engagement deutlich zu ergänzen sein. Dieses Engagement sollte auch Bürger und Bürgerinnen einschließen, die nicht unmittelbar selbst oder durch An-gehörige betroffen sind. Durch das Aktionsprogramm sollen Menschen gewonnen werden, die auf das Wohlbefinden von Demenzkranken hinwirken und für mehr gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen sorgen. "Es geht um die Erfindung neuer Netze der Freundschaft und darum, Menschen mit Demenz vor allem als Bürger anzusehen", sagt Professor Reimer Gronemeyer - erster Vorsitzender des Vereins und Soziologe an der Universität Gießen.


In der Auftaktveranstaltung am 6. Mai 2006 warb der Verein mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung erstmalig um Interessierte.
Weitere Informationen finden Sie unter www.bosch-stiftung.de/demenz.



  Buchtipps:
 Alzheimer: Was tun, wenn die Krankheit beginnt?, Mechthild Niemann-Mirmehdi und Richard Mahlberg, Trias, 14,95 €
 Demenz und Alzheimer verstehen – mit Betroffenen leben. Ein praktischer Ratgeber, Huub Buijssen, Beltz 2003. 12,90 €
 Alzheimer – Der lange Weg des Abschiednehmens. Ein Tagebuch, Uta van Deun, R. G. Fischer Verlag, 16,80 €


Ausgabe 2 / 2006