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Das Alter neu denken Immer ein geachtetes und selbstbewusstes Mitglied der Gesellschaft sein |
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Im Jahr 2020 wird jeder zweite Deutsche über 50 Jahre sein, und die Lebenserwartung wird weiterhin steigen. Statistisch gesehen, haben Menschen, wenn sie in den Ruhestand gehen, noch gut zwanzig Jahre ihres Lebens vor sich: Das ist rund ein Viertel der Lebenszeit oder so viel, wie Kindheit und Jugend zusammen. Das bedeutet: Nicht nur der Einzelne steht vor der Frage, wie er sein Leben im Alter gestaltet. Auch die Gesellschaft ist herausgefordert: Damit alle eine zufriedene und möglichst glückliche Zukunft haben, sollte sich die Einstellung zum Alter ändern. Was wir brauchen, ist eine Wertsteigerung des Alters. Was dies bedeuten kann, welche Aufgaben sich stellen und welche Chancen in dieser neuen Situation liegen, will go longlife! in einer Artikelreihe unter verschiedensten Aspekten beleuchten. Den Anfang macht Iris Schuhmacher. Sie plädiert dafür, Vorurteile über das Alter zu korrigieren und eine neue Einstellung zu dieser Lebensspanne zu finden. |
| Vorurteile halten sich
beharrlich:
Kürzlich, an meinem 44. Geburtstag, wurde ich – halb
scherzhaft, halb
ernst – von Freunden darauf aufmerksam gemacht, dass ich ja
schon
auf
die 50 zuginge, also praktisch schon zum „alten
Eisen“
gehöre. Als ich
davon erzählte, dass ich gerade einen Schwimmkurs belege,
wunderten
sich meine Freunde. Mit 44 Jahren lernt da noch jemand Schwimmen? Na,
übernimmt die sich nicht? Ich kam ich ins Nachdenken. |
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| Kein Zerrbild des Alters zeichnen | |
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Diese Vorurteile machen
deutlich: Wir haben
Vorstellungen, wie man sich jeweils in einem bestimmten Alter zu
verhalten hat. Doch oft gehen diese vorgefassten Meinungen am
wirklichen Leben vorbei. Sie zeichnen vor allem ein Zerrbild des
Alters. Deshalb sollten wir damit beginnen, solche Vorurteile, die
meist immer auch Werturteile sind, bei uns selbst zu
überprüfen. Denn
älter werden wir alle. Früher oder später
gibt es immer
jemanden, der
uns irgendetwas nicht mehr zutraut. Eine Wertsteigerung des Alters
fängt zuallererst bei uns selbst an: in unseren
Köpfen, in
unserer
Vorstellungswelt. Denn dort fügen sich Ansichten und
Einstellungen
zu
einer oft fest gefügten Meinung, wie es ist, alt zu werden und
alt
zu
sein. |
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Wann ist das Leben am schönsten? |
| Meine
Tante, inzwischen 97 Jahre alt, sagte auf jeder Familienfeier:
„Altwerden ist nicht schön. Das Leben ist
schön, wenn
man jung ist.“ Meine Cousine und ich, beide noch in der
Pubertät, verstanden damals nicht, was sie meinte. Wir
empfanden
wiederum unser junges Leben als hart, ungesichert und irritierend.
Meine Tante aber wurde nie so richtig glücklich. Warum? Weil
sie
nur ihr Alter und die damit verbundenen Beschwerden registrierte. Sie
gewichtete ihre Situation einseitig und damit falsch, weil sie ihr
reiches Leben davor aus dem Blick verloren hatte. Sie haderte zu viel. |
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| Kann man Gleichmut lernen? | |
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Das Leben
ist auch im Alter schön – wenn man es nimmt, wie es
eben
ist.
Vielleicht gelingt diese Haltung besser in Kulturen, in denen Hadern
ein Fremdwort ist; zum Beispiel in Ländern, in denen die
Lebensumstände
zwar beschwerlicher sind als in unseren Gefilden, in denen aber Alt und
Jung seit Generationen eng miteinander verbunden sind, auch weil sie
materiell voneinander abhängig sind. In unserer Gesellschaft
hat
der
Staat vielfach Aufgaben übernommen, die in anderen
Ländern in
der
Familie selbst gelöst werden müssen. Das
Verhältnis
zwischen den
Generationen ist bei uns entsprechend freiheitlicher. Die Chancen, das
eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten, sind groß. Auf der
anderen Seite empfinden nicht wenige Menschen den Verlust von Bindungen
als schmerzlich. Manch älterer Mensch wünscht sich
einen
engeren Kontakt zu seinen Enkeln. Deshalb betreuen
Großmütter – und auch
Großväter –
ehrenamtlich fremde Kleinkinder. Wir leben in einer Zeit, in der man
alles kann, aber nichts muss – auch im Alter. |
| Voneinander
lernen – jeder hat etwas zu bieten |
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Großeltern
machen
heutzutage
Flugreisen in entfernteste Länder und lernen noch eine
Fremdsprache.
Die Enkelkinder können stolz sein auf diese agilen Menschen,
auf
ihre
Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Lebensfreude.
Der
passiv-jammernde „Hausschuh-Opa“ ist –
falls es ihn
tatsächlich gegeben
hat – am Aussterben. Die „Oma“ pudert
sich die Wangen
und geht nicht
nur regelmäßig zum Friedhof, sondern auch zur
Gymnastikstunde und
sonntags zum Tanztee. Wir Jüngeren können noch
manches lernen
von diesen „neuen Alten“, wie sie inzwischen
genannt
werden. |
| Das Beispiel meiner Mutter | |
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Meine
Mutter – sie ist im siebzigsten Lebensjahr –
fühlt
sich jetzt freier als vor dreißig Jahren. Damals stand sie
unter
dem Druck, allen und allem gerecht werden zu müssen. Die
Kinder,
der Beruf, der Ehepartner – alle forderten Zeit und Nerven.
Heute
weiß meine Mutter, wie viel sie gearbeitet und geleistet hat,
und
dass sie es gut gemacht hat. Sie genießt jede Minute ihres
Lebens. Sie ist spontan, entspannt und nachsichtig. Heute zeigt sie
Verhaltensweisen und Einstellungen, die früher so nicht zum
Ausdruck kamen. Morgens um halb acht, wenn sie mit dem Hund die erste
Runde dreht, klingeln Nachbarskinder bei ihr, um sie zu begleiten. Da
sie keine eigenen Enkel hat, ist meine Mutter nun begeisterte
„Großmutter auf Zeit“. Die Kleinen
flüchten
für eine gewisse Zeit aus der elterlichen Beobachtung, und
meine
Mutter freut sich über das, was die Kinder ihr frank und frei
erzählen. Wäre das kein Modell für andere?
Doch dazu
gehören immer zwei Seiten. |
| Aufeinander achten – einander helfen | |
| Wir
Jüngeren könnten doch einmal als Vorbilder
vorangehen: zum
Beispiel das
nette Rentnerehepaar von nebenan zum Kaffee einladen oder auf einen
Spaziergang im Park begleiten. Es gäbe bestimmt einiges zu
erzählen und
zu erfahren. Nur wer ältere und alte Menschen kennt und
schätzt, wird
auch ihre besonderen Interessen und Sorgen verstehen und sie nicht mehr
ausgrenzen. Die Achtung vor dem Alter wird sich dann als Achtsamkeit
äußern: Das eigene Denken und Handeln wird bewusster
sein,
rücksichts-
und verständnisvoller. Wir greifen dann nicht mehr auf
sprachliche
Stereotype über alte Menschen zurück. Wir
unterstützen
auch keine
Redner, die die Alten als Problemgruppe der Gesellschaft abstempeln. |
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| Bei sich selbst anfangen | |
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Fangen wir bei uns selbst an und akzeptieren wir den Lauf der Zeit. Wir wissen, dass jedes Lebensalter seine eigene Qualität hat. Mit 30 Jahren war Surfen cool, mit 40 die Exkursion nach Indien, mit 55 das Wandern in Südtirol. Und mit 66 möchte man vielleicht den Grand Canyon sehen oder nach Feuerland reisen. Warum auch nicht? Wer aufhört, das eigene Alter mit seinen früheren, angeblich so viel besseren Lebensphasen zu vergleichen, der ist auf der richtigen Seite. Alles im Leben hat seine Zeit, seine ganz eigene Qualität und Schönheit. Auch das Alter. Lernen wir die guten Seiten des Alters zu sehen! Wertsteigerung des Alters meint einen guten und respektvollen Umgang mit dem Alter anderer. Und mit dem eigenen Älterwerden. Das ist die beste Investition in die eigene Zukunft und die der kommenden Generationen. |
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Iris Schuhmacher
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