Die Herausforderung unserer Zukunft:

Demenz -
Therapiemöglichkeiten und Umgang mit demenzkranken Menschen

         
     
Den richtigen Umgang mit demenzkranken Menschen zu erlernen und ihr Verhalten zu verstehen, erleichtert Angehörigen die alltägliche Pflege.
   
    

Das Thema Demenz hat sich in den letzten Jahren zu einer Thematik von hoher Bedeutung entwickelt. Bedingt durch eine gestiegene Lebenserwartung wird der Anteil älterer Menschen immer mehr zunehmen und damit auch die Demenz-Erkrankungen. Doch Demenz ist nicht gleich Demenz. Fachleute unterscheiden zwischen 50 verschiedenen Demenzformen. Die wohl bekannteste und häufigste Alterserkrankung des Gehirns ist die Alzheimer-Krankheit, die bisher nicht heilbar ist. Wie im ersten Teil des go longlife!-Beitrags „Demenz“ berichtet, zeichnet sich jedoch ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung ab, dass die Alzheimer-Erkrankung eines Tages ihren Schrecken verlieren wird. So haben Ärzte und Grundlagenforscher Erkenntnisse erarbeitet, die auf eine bessere Therapie, möglicherweise gar eine Heilung oder einen Impfschutz hoffen lassen. Auch werden Ansätze erforscht, die Alzheimer-Erkrankung schon im Frühstadium zu erkennen, also noch bevor sich die ersten Symptome bemerkbar machen. Die Pflege eines Demenzpatienten ist für die Familienangehörigen mit erheblichen Belastungen verbunden, was sich häufig in einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit bei den Pflegepersonen selbst niederschlägt. Es ist eine Aufgabe, die viel Kraft und Geduld erfordert. Durch den richtigen Umgang und eine adäquate Betreuung lassen sich nicht nur Jahre mit verbesserter Lebensqualität für die Erkrankten, sondern auch eine Entlastung für die Angehörigen erreichen.


 
Bilder sagen mehr als tausend Worte: In einem experimentellen Umgang mit verschiedenen Materialien entstand dieses Bild, in dem Frau P. ihre Stimmung ausdrücken konnte.

Die Malereien, die diesen Beitrag bebildern, stammen aus der kunsttherapeutischen Arbeit von Menschen mit Demenz unter der Leitung von Michael Ganß. Der freiberufliche Kunsttherapeut und Gerontologe möchte in diesem Projekt mit den demenzkranken Menschen in einen gleichberechtigten kommunikativen Prozess gelangen, der jenseits des Sprachlichen liegt. Die meisten Menschen, mit denen Michael Ganß arbeitet, haben im Verlauf der Demenz ihre Sprachfähigkeit verloren. Dieser Sprachverlust macht vielen Angst, was zu einer Notsituation des Betroffenen führt. Gelingt es in der gemeinsamen Arbeit, einen kommunikativen Raum herzustellen, kann den Menschen mit Demenz ein großer Teil ihrer Angst genommen werden. Neben der kunsttherapeutischen Arbeit am Institut für Kunsttherapie und Forschung der FH-Ottersberg ist Michael Ganß Mitinitiator der Werkstatt Demenz e.V. in Berlin, die versucht, das gesellschaftliche Bild der Demenz zu erweitern.



Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es?


Demenz-Erkrankungen sind bisher zwar nicht heilbar, dennoch gibt es eine Reihe von Einflussmöglichkeiten, die zumindest in der frühen und mittleren Phase der Erkrankung den Verlauf verzögern können. Eine wichtige Rolle spielen dabei Medikamente, die unter dem Begriff „Antidementiva“ zusammengefasst werden. Dazu stehen drei Arzneimittelgruppen zur Verfügung, die im weiteren Beitrag näher erläutert werden:
Acetylcholinesterase-Hemmer, die den Abbau eines wichtigen Botenstoffes im Gehirn bremsen,
Wirkstoffe, die die Zerstörung der Nervenzellen durch Glutamat hemmen können (NMDA-Rezeptor-Antagonisten) und
Mittel zur Förderung der Durchblutung des Gehirns (Nootropika).

Grundsätzlich richtet sich eine medikamentöse Therapie immer nach der Art der Demenz und dem Stadium der Erkrankung. In vielen Fällen ist auch eine Kombinationstherapie angebracht.


Botenstoffe im Gehirn


Sinkende geistige Fähigkeiten und nachlassende Alltagsbewältigung bei Demenz-Erkrankungen sind die Folge eines langsam fortschreitenden Untergangs von Nervenzellen in bestimmten Regionen des Gehirns. Wie kommt es dazu? Die Kommunikation im Gehirn erfolgt über ein komplexes System aus elektrischen Impulsen innerhalb der Nervenfasern. Für die Verarbeitung und Weiterleitung dieser Informationen zwischen den Nervenzellen (Neuronen) sind spezielle Botenstoffe, die so genannten Neurotransmitter, zuständig. In diesem Prozess spielen besonders die Botenstoffe Acetylcholin und Glutamat eine wichtige Rolle: Werden die Nervenzellen nämlich nicht ausreichend mit Acetylcholin versorgt, kommt es zu einer gestörten Signalübertragung zwischen ihnen. Eine Überdosis von Glutamat hingegen zerstört die Nervenzellen.


Heutige medikamentöse Therapieansätze

Zu den modernen Antidementiva, deren positive Effekte auf das Erinnerungsvermögen belegt sind, gehören vier Wirkstoffe (Donezepil, Rivastigmin, Galantamin und Tacrin), die als Acetylcholinesterase-Hemmer bezeichnet werden. In ihrer Wirkungsweise konzentrieren sie sich genau auf dieses bestimmte Signalsystem zwischen den Nervenzellen. Diese Substanzen verhindern den Abbau des vom Körper gebildeten Botenstoffes Acetylcholin im Gehirn. Sie sorgen somit dafür, dass dieser Botenstoff länger zur Verfügung steht. Konzentration sowie Aufmerksamkeit der Patienten verbessern sich dadurch, die Selbstständigkeit bleibt länger erhalten, und die Betroffenen kommen insgesamt besser im Alltag zurecht. Der „Zeitgewinn“ beträgt laut Meinung der Experten zwischen sechs und zwölf Monaten, manche sprechen sogar von ein bis zwei Jahren. Diese vier Wirkstoffe sind nur zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Formen der Demenz sinnvoll. Wie sich gezeigt hat, ist der Erfolg umso größer, je früher mit der Behandlung begonnen wurde.
Bei mittelschwerer und schwerer Demenz-Erkrankung verzögert der Wirkstoff Memantine durch Hemmung von überschüssigem Glutamat eine Verschlimmerung der Symptome und stärkt die geistige Leistungsfähigkeit sowie den Antrieb und die Fähigkeit zur Alltagsbewältigung (siehe hier).

Die genannten Medikamente können zwar eine Demenz nicht heilen, aber die Folgeerscheinungen vorübergehend verzögern. So kann die Lebensqualität des Betroffenen zumindest für eine gewisse Zeit aufrecht erhalten werden. Er ist länger in der Lage, alltägliche Handlungsabläufe wie Ankleiden, Körperpflege oder Essen selbst zu organisieren, was nicht nur für ihn, sondern auch für die pflegenden Angehörigen von größtem Wert ist.
Auch pflanzliche Mittel, wie beispielsweise der Extrakt des Ginkgo-Baums, verbessern die Gedächtnisleistung. Die Durchblutung des Gehirns wird gefördert und somit auch die Sauerstoff-und Glucoseversorgung.


Wie äußert sich eine Demenz noch, und was kann man dagegen tun?

Typische Begleiterscheinungen von Demenz-Erkrankungen wie etwa Verhaltensstörungen, Ruhelosigkeit, Schlafstörungen, Sinnestäuschungen, Ängstlichkeit, depressive Verstimmungen oder größere Feindseligkeit sollten zuerst ohne Medikamente beeinflusst werden. Ist dies nicht ausreichend, kommen häufig Neuroleptika (Medikamente zur Beruhigung der Nerven) oder Antidepressiva zum Einsatz. Allerdings sollten diese nur vorsichtig und nicht als Dauertherapie eingesetzt werden. Neuroleptika wirken entspannend und beruhigend, da sie die Signalübertragung durch den Botenstoff Dopamin senken, während Antidepressiva die Verfügbarkeit der „Glückshormone“ erhöhen. Je nach Beschwerden sind auch Beruhigungsoder Schlafmittel nötig.


Ergänzende Behandlung – ein wichtiger Baustein

Auch wenn sie kaum sprechen kann: die Kunst gibt Frau A. die Möglichkeit, ohne Worte lange und intensive Geschichten zu erzählen, und hilft ihr, sich an Ereignisse ihres Lebens zu erinnern.
Da auch durch die verschiedenen medikamentösen Therapien letztendlich die Erkrankung nicht rückgängig gemacht werden kann, besitzen so genannte nicht-medikamentöse Therapieformen einen hohen Stellenwert. Übergeordnetes Ziel ist es, die Alltagskompetenz und Selbstständigkeit des Betroffenen so lange wie es geht zu erhalten. Diese Methoden dürfen nicht als Alternative zur medikamentösen Therapie verstanden werden, sondern sollen diese begleiten und unterstützen. Durch die Vielzahl an Programmen und Therapieansätzen ist es möglich, viele Ebenen, wie etwa Gedächtnis, Emotionalität oder soziale Anteilnahme anzusprechen. So können auch versteckte Ressourcen geweckt werden. Vorteilhaft ist, dass viele Methoden leicht erlernbar sind und zu Hause durchgeführt werden können, was den Verbleib in der vertrauten Umgebung ermöglicht – eine wesentliche Voraussetzung für Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit aller Beteiligten. Einige wichtige Therapieformen sind:

Erinnerungstherapie: Positive Erinnerungen sollen geweckt werden. Dabei können Fotos, Gedichte, Musikstücke, Kleidung oder auch Gerüche Anknüpfungspunkte sein.

Realitäts-Orientierungs-Training (ROT): Ziel dieses Trainings ist es, dem Erkrankten so oft wie möglich realistische Informationen – und damit „Realitätsanker“ zu geben, z. B. „welcher Tag ist heute“, um Gedächtnislücken auszugleichen.

Gedächtnistraining: Konzentration, Formulierungen, Wortfindung und Merkfähigkeit werden geübt und sollen verbessert werden.

Kinästhetik: Diese Bewegungslehre ist besonders für Demenzkranke geeignet, die nur noch eingeschränkt sprachlich kommunizieren können. Die Art und Weise, wie sich Bezugspersonen dem Erkrankten nähern oder ihn berühren, ist sehr wichtig, denn eine Bewegung kann beispielsweise eine Einladung ausdrücken oder auch das Gegenteil.

Musik- und Kunsttherapie: Für Menschen, die Sprache und Schrift zur Verständigung immer weniger nutzen können, sind diese beiden Verfahren wichtig, um Gefühle auszudrücken und über Kreativität das Gehirn anzuregen.

Milieutherapie: Hier geht es darum, den Wohnund Lebensbereich des Kranken so zu gestalten, dass er sich leicht orientieren kann. Dazu gehört auch eine feste Struktur des Tagesablaufs mit fixen Zeiten für Mahlzeiten sowie für Spaziergänge und Ruhepausen.

Selbst-Erhaltungs-Therapie (SET): Dieses Trainingsverfahren, das vor allem für die Alzheimer-Erkrankung entwickelt wurde, hat zum Ziel, die Persönlichkeit des Patienten so lange wie möglich zu erhalten. Hier werden wichtige Erinnerungen, Denkweisen oder Vorstellungen aus Kindheit, Erwachsenenalter und jetziger Situation mit dem Therapeuten zu einer Art „Erinnerungsmappe” zusammengestellt. Benutzt werden dazu Filme, Fotos, Musikaufnahmen, Geschichten oder andere Erinnerungsstücke.

Validationstherapie (siehe unten)
Die Übergänge zwischen den Therapien sind teilweise fließend.


Validation: Einfühlen in eine andere Welt

Die Amerikanerin Naomi Feil entwickelte bereits Mitte der 60er-Jahre einen neuen Ansatz in der Kommunikation mit dementen Menschen. Der Schlüssel hierfür ist die Validation (vom lateinischen „valere“, „wertsein“). Dies bedeutet, sich in die Gedankenwelt der Kranken hineinzuversetzen, sie wertzuschätzen, und ihnen ein Selbstwertgefühl zu ermöglichen. Feil kam zu dem Schluss, dass Betroffene auf Versuche, sie an der Realität der Gesunden zu orientieren, häufig mit ablehnendem, ja auch feindseligem Verhalten reagieren.
Der Ausgangsgedanke der Validation ist, dass jedem menschlichen Verhalten eine tiefere Bedeutung zu Grunde liegt. Sprich: Hinter dem Verhalten verwirrter Menschen steckt immer ein Grund. Aufgabe des Alters ist es, die „Vergangenheit aufzuarbeiten“. Die Aufgabe der Validation ist es, diesen Prozess zu begleiten. Jemanden zu validieren, heißt, seine Gefühle anzuerkennen, ihm zu sagen, dass seine Gefühle wahr sind. Einfühlungsvermögen, Wärme, Achtung, aber auch Ehrlichkeit sind die wichtigsten Grundprinzipien dieser Methode. Mit ihrer Hilfe soll versucht werden, in die innere Erlebniswelt des verwirrten Menschen vorzudringen. Dabei werden Vertrauen, Selbstwertgefühl, Stärke und Sicherheit aufgebaut.


Ein Beispiel für Validation
Meint etwa ein Demenz-Kranker, er müsse unbedingt nach Hause gehen, um für den bereits verstorbenen Sohn zu kochen, wird man ihn nicht zwingen, die Realität zu erkennen. Man wird ihn also zum Kochen begleiten, lässt ihn die emotionale Situation noch einmal durchleben, unterstützt ihn durch Fragen und wird merken, dass er ruhiger wird. Man eröffnet dem Kranken dadurch die Möglichkeit, seinen Sohn wieder in seine Gedanken und Gefühle „zurückzuholen“.


Umgang mit Demenzkranken im Alltag

In stundenlanger Arbeit holt sich Frau K. ihre geliebten Blumenwiesen aus Russland ins Atelier und versinkt in ihren Erinnerungen aus einer anderen Zeit.

Wie verhalten Sie sich am besten dem betroffenen Angehörigen gegenüber? Wie sprechen Sie mit ihm und wie reagieren Sie, wenn er Sie verbal angreift?
So können Sie den Patienten durch Ihr Verhalten unterstützen und ihm helfen:

Seien Sie geduldig. Geben Sie Ihrem Gegenüber Zeit für eine Reaktion, und zwar Minuten und nicht Sekunden.
Haben Sie Verständnis, auch wenn das mitunter schwer fällt.
Geben Sie klare Anweisungen in einfachen, kurzen Sätzen.
Vermeiden Sie Diskussionen und bestehen Sie nicht auf Ihre Meinung. Lenken Sie ein oder wechseln Sie das Thema.
Überhören Sie Anschuldigungen und Vorwürfe.
Sorgen Sie für Beständigkeit im Tagesablauf.
Geben Sie Erinnerungshilfen durch konkrete Angaben von Zeit, Datum, Ort und Namen.
Überfordern Sie den Patienten nicht. Und ganz wichtig: Die Pflege eines Demenzkranken ist keine leichte Aufgabe. Denken Sie auch an sich selbst! Wenn Sie sich überfordert fühlen, nehmen Sie frühzeitig professionelle Hilfsangebote in Anspruch.


Sie möchten noch mehr zum Thema Demenz erfahren?
Was im Gehirn passiert? Was die Forschung heute weiß? Und was Sie selbst zur Vorbeugung tun können? Dann lesen Sie hier auch den ersten Teil des Beitrags „Demenz“.


Richtigen Umgang lernen

Die Technik der Validation nach Feil kann man lernen. In Deutschland werden vielerorts Kurse angeboten, so beispielsweise beim IFAG – Institut für angewandte Gerontologie, 10585 Berlin-Charlottenburg, Haubachstraße 8, Tel. 030 341 50 34, E-Mail: info@ifag-berlin.de.

In der Seminarreihe „Hilfe beim Helfen” der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft erfahren Angehörige alles Wichtige über die Krankheit, lernen den Kranken besser zu verstehen, erhalten Antworten auf rechtliche Fragen und bekommen Hinweise zu Entlastungsmöglichkeiten. Die Adressen der regionalen Alzheimer-Gesellschaften können beim Alzheimer-Telefon 01803 17 10 17 erfragt werden. 


Buchtipps:
Validation in Anwendung und Beispielen, Naomi Feil, E. Reinhardt Verlag, 21,90 €
Gedächtnistraining mit dementen Menschen, W. Jopping, Bildungsverlag, 8,10 €
Mit dementen Menschen richtig umgehen. Validation für Angehörige, Vicki de Klerk-Rubin, E. Reinhardt Verlag, 14,90 €
100 Tipps für die Validation, Barbara Messer, Schlütersche Verlag, 9,90 €
Alzheimer, Fotoband, Peter Granser, Kehrer Verlag, 24,00 €  (die Bilder im Artikeleinstieg stammen aus diesem Fotoband)

Broschüren:
Mit neuem Mut Demenzkranke betreuen – ein Leitfaden für Angehörige und Pflegende, Deutsche Hirnliga e. V., Postfach 1366, 51657 Wiehl, Tel. 02262 9 99 99 17, E-Mail: GS@hirnliga.de, 1,45 € incl. Versand,

Wenn das Gedächtnis nachlässt, Ratgeber für die häusliche Betreuung demenzkranker älterer Menschen, kostenlos, Bestellnummer A 504, Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Postfach 500, 53105 Bonn, Tel. 01805 15 15 10.
  Claudia Sarkady


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Ausgabe 3-4 / 2006