Autobiografie:

Die Reise zum Ich




Erinnerungen ordnen, Geschichten erzählen, zu sich selbst finden: Es gibt eine Menge Gründe, warum Menschen ihr Leben aufschreiben. Für viele ist es ein erstaunlicher Weg zu sich selbst.



Gerda Gutberlet-Zerbe aus Gießen war 55, als sie beschloss: "Jetzt schreibe ich alles auf!" Jahrelang war der Wunsch in ihr gewachsen, ihre eigene Biografie zu Papier zu bringen. Eines Tages begann sie, sich alles von der Seele zu schreiben: Die Erinnerungen an ihre Kindheit, die erste Liebe, an schlimmes Mobbing als Sekretärin, eine schwere psychische Krankheit und die Erholung davon. „Ich habe gemerkt, die Zeit ist da. Es ging mir flott von der Hand: Im Oktober 2006 habe ich begonnen, Ostern war ich fertig.“

Der Wunsch nach Klarheit

Die Gründe, mit seiner Autobiografie anzufangen, sind ganz unterschiedlich. Ob mit fünfzig, siebzig oder neunzig: Es ist nie zu früh oder zu spät. In der Lebensmitte überdenken viele Menschen ihr Leben, überlegen, was sie gerne noch erreichen möchten. Die Biografie wird zur Bestandsaufnahme, einer Art Inventur.
"Die Erfahrung zeigt, dass das Schreiben einer Autobiografie für viele Menschen eine klärende und stabilisierende Wirkung hat. Gerade, wenn man in der persönlichen Entwicklung nicht weiter weiß, kann einen die Autobiografie voranbringen“, sagt Dr. Andreas Mäckler vom Biographiezentrum, einer Vereinigung deutschsprachiger Biografinnen und Biografen. Auslöser fürs Schreiben können auch Enkel mit vielen Fragen sein oder der Wunsch der Kinder, mehr über die Vergangenheit der Eltern zu erfahren.

Schreiben ist Arbeit

Nicht allen fließt die Geschichte so schnell aus der Hand wie Gerda Gutberlet-Zerbe. „Ich hatte einfach Schreibdruck“, erzählt sie. Andere dagegen kommen nicht recht vorwärts. Hier kann ein bewährter Tipp von Schreibprofis weiterhelfen: Einfach losschreiben, ohne auf die Form zu achten. Man muss sich „einschreiben“, genau wie man sich beim Sport aufwärmen muss. Selbst bei geübten Autoren ist die Angst vor dem weißen Blatt Papier sprichwörtlich.
Es kann Vorteile haben, wenn jemand hilft, die Gedanken und Geschichten zu ordnen. In Zeitungen und im Internet bieten Biografen ihre Dienste an. Die Preise dafür variieren stark: ein fertiges Manuskript kostet etwa zwischen 2.500 und 10.000 Euro oder mehr. Die großen Preisunterschiede entstehen auch dadurch, dass die Biografen die Lebensgeschichte in verschiedenen Formen erhalten: Manche Menschen leisten reichlich Vorarbeit und lassen dem Biografen bereits gut zu verarbeitende Manuskripte zukommen. Andere besprechen Kassetten, Dritte möchten lieber in gemeinsamen Gesprächen über ihr Leben erzählen.
Bei der Auswahl eines Biografie-Profis ist es wichtig, auf die Referenzen zu achten. Mag man den Stil? Was hat der Biograf selbst für einen Lebenslauf? Daran kann man meist erkennen, ob das Angebot seriös ist. Letztendlich wird immer die persönliche Sympathie den Ausschlag geben. Nur einer Person, der man wirklich vertraut, wird man seine Lebensgeheimnisse offenlegen.
Ist der Text fertig, sind noch einige Schritte bis zum gedruckten Buch zu gehen. Diese finden Sie hier.

Das gedruckte Buch

Auf den Buchmarkt gelangen die Lebenserinnerungen meist nicht – Verlage werden mit Manuskripten förmlich überschwemmt. Private Autobiografien werden überwiegend in kleiner Auflage im günstigen Digitaldruck hergestellt, um sie etwa Verwandten zu schenken. Viele Copyshops oder Druckereien bieten diesen Service an.
Wer es hochwertiger möchte, ein professionelles Lektorat und sogar eine ISBN-Nummer für den Buchhandel wünscht, kann sich an einen sogenannten Books-on-Demand-Anbieter wenden. „Books-on-Demand“ heißt auf deutsch „Bücher auf Nachfrage bzw. auf Bestellung“. Diese Verlage drucken die Bücher erst, wenn schon einige Bestellungen vorliegen, nicht schon im Vorfeld.
Während Verlage in der Regel den Autoren ein Honorar zahlen, verstehen sich so genannte Zuschussverlage als Dienstleister, welche die Autobiografien gegen Erstattung der Herstellkosten publizieren. Man sollte sich hier mehrere Angebote zum Vergleich einholen, denn es kann sich um beträchtliche Beträge handeln.

Gerda Gutberlet-Zerbe hat ihre Autobiografie bei einem Verlag in Auftrag gegeben – inklusive Layout und Lektorat. Um die Vermarktung ihrer Erinnerungen unter dem Titel „55 Jahre – Lebensvisionen“ will sie sich selbst kümmern. Sogar auf der Frankfurter Buchmesse hat sie sich einen Platz im Regal gemietet, um ihr Werk zu bewerben. Gerade geht sie das Manuskript ein letztes Mal vor dem Druck durch: „ Wenn erst mal das Buch fertig ist, ist das Erlebnis sicher noch intensiver: Es ist schließlich mein Leben, das ich dann in den Händen halte.“


Buchtipps:

Anleitung zur Autobiografie in 300 Fragen, Gerhild Tieger, Autorenhaus Verlag, 9,80 €
Meine Biographie als Buch gestalten, Andreas Mäckler, Verlag des Biographiezentrums, 12,80 €


                            
 Adressen:

Biographiezentrum, Welden 18, 86925 Fuchstal, Tel. 08243 99 38 46, www.biographiezentrum.de
Das Biographiezentrum bietet auch bundesweit Seminare zum Biografie-Schreiben an.
Deutsche biografische Gesellschaft, In den Reben 11, 78465 Konstanz, Tel. 07533 99 85 51, www.deutsche-biografische-gesellschaft.de




 Biografieverlage :

Frieling-Verlag Berlin, Rheinstraße 46 lg, 12161 Berlin, Tel: 030 7 66 99 90, www.frieling.de
August von Goethe Literaturverlag, Großer Hirschgraben 15, 60311 Frankfurt a.M., Tel: 069 40 89 40, www.frankfurter-verlagsgruppe.de
edition fischer, Orber Str. 30, Fach 34, 60386 Frankfurt a.M., Tel: 069 94 19 42-0, www.verlage.net



Digitaler Buchdruck auf Bestellung:

Books on Demand, Gutenbergring 53, 22848 Norderstedt, Tel. 040 53 43 35-0, www.bod.de
Buchwerft, Breitschuh & Kock, Sophienblatt 48, 24114 Kiel, Tel. 0431 66 18 60, www.buchwerft.de
Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat, Am Hawerkamp 31, Haus G, 48155 Münster, Tel. 0251 23 29 90, www.ruckzuckbuch.de




   Ausgabe 5/ 2007