Autoimmunerkrankungen

Eigentore der körpereigenen Abwehr

Eigentor: Ein gesundes Immunsystem ist wie ein Schutzschild für unseren Körper und wehrt Angriffe durch Eindringlinge wie Viren und Bakterien ab. Richtet es sich jedoch gegen körpereigenes Gewebe, sind
Autoimmunerkrankungen die Folge.

Ob wir gesund bleiben oder krank werden, entscheidet letztlich das Immunsystem. Ist es stark, sind unsere Abwehrkräfte intakt und rund um die Uhr „wachsam“. Bei einem Angriff etwa durch Viren oder Bakterien ziehen verschiedene Immunzelltypen alle strategischen Register, um die Bedrohung für unsere Gesundheit zu beseitigen. Damit die Immunabwehr effektiv und schnell arbeiten kann, sind die Abwehrzellen mit körpereigenen „chemischen Handys“ ausgestattet, mit denen sie Botenstoffe senden und empfangen. Durch diese permanente Kommunikation zwischen den Zellen steuert das Immunsystem ganz gezielt die notwendigen Maßnahmen wie zum Beispiel eine erhöhte Aktivität der sogenannten Fresszellen oder die Produktion von Antikörpern.

Doch mitunter wechseln Teile des Immunsystems die Fronten und greifen körpereigenes Gewebe an. Die Folge sind Autoimmunerkrankungen, an denen in Deutschland bereits rund 4 Millionen Menschen leiden. Warum das Immunsystem in manchen Fällen so entgleist, ist trotz einiger Erklärungsansätze bis heute nicht bekannt. Fest steht: Inzwischen gibt es mehr als 60 Krankheiten, die auf einer Fehlsteuerung des Immunsystems beruhen oder die im Verdacht stehen, autoimmune Ursachen zu haben. Die Palette ist vielfältig: Von Diabetes Typ 1 über rheumatische Gelenkerkrankungen und Schuppenflechte bis hin zur Multiplen Sklerose (MS) oder dem sogenannten Kreisrunden Haarausfall. Sogar bei Arteriosklerose laufen, wie aktuelle Forschungsergebnisse nahelegen, Autoimmunprozesse ab.

Wie viele Erkrankungen mit Autoimmunreaktionen zu tun haben, ist den meisten Menschen nicht bekannt. Hinter so manchem unerklärlichen Symptom könnte also auch eine Autoimmunerkrankung stecken. Das aber bedeutet: Was die meisten Ärzte und Patienten im Erkrankungsfall tun – nämlich das Immunsystem stärken und anregen –, wäre in solchen Fällen nicht richtig. Denn bei Autoimmunerkrankungen ist gerade eine zu aktive Abwehr das Problem.


Ein schlaues System: Dringen Bakterien
und Viren in den Körper ein, bildet ein gesundes Abwehrsystem Antikörper (Y-förmige Eiweißstoffe).
Diese heften sich an die Angreifer und beseitigen sie.
So arbeitet ein intaktes Immunsystem

Unser Immunsystem funktioniert wie eine hoch qualifizierte und effiziente Abwehr-Einheit. Ob einfacher Schnupfen oder ernste Erkrankung: Immer kommen eine Vielzahl von ineinander greifenden Prozessen in Gang, die unserem Körper helfen, die feindlichen Eindringlinge wie Bakterien oder Viren abzuwehren. Unser Abwehrsystem erkennt sie an Antigenen. Das sind bestimmte, vom Körper als fremd erkannte Oberflächenmerkmale der Eindringlinge. Das Immunsystem reagiert auf Antigene mit der Bildung von maßgeschneiderten Eiweißstoffen (Antikörper), die an die Fremdstoffe andocken können und sie somit zerstören. Ist eine Infektion erfolgreich bekämpft, bleibt das Wissen über die Antigenstruktur des Erregers in den Lymphknoten erhalten. Beim erneuten Kontakt mit dem Erreger ist das Immunsystem gut vorbereitet, so dass die Immunantwort noch schneller anlaufen kann. Das funktioniert aber nur, wenn der Eindringling seine Antigenstruktur bis zum nächsten Angriff nicht verändert.



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Wenn das Immunsystem
entgleist: Bei der Autoimmunerkrankung
Multiple Sklerose
greift beispielsweise das körpereigene Abwehrsystem die
Isolierung der Nervenfasern (in der Grafik violett) an. Das führt zu Störungen verschiedener
Sinnesorgane bis hin
zu Lähmungen.





Immunzellen können die Front wechseln

Bei den komplexen Vorgängen, die sich rund um die Uhr in unserer körpereigenen Abwehr abspielen, bilden sich auch Antikörper und T-Zellen, die gegen Bestandteile und Zellen des eigenen Körpers gerichtet sind. Sie bleiben aber meist in friedlicher Koexistenz, das heißt: Der Körper erkennt den Fehlalarm und lässt sie ungehindert passieren, ohne dass dabei Schaden entsteht. Bei gesunden Menschen sorgt nämlich ein erst kürzlich entschlüsselter Kontrollmechanismus dafür, dass diese sogenannten autoaggressiven Zellen nicht aktiv werden. Sind sie jedoch aktiviert, entgleist das Gleichgewicht, und Autoimmunerkrankungen können ausgelöst werden.
Beispielsweise können Entzündungen oder auch Viren, die körpereigenen Zellen stark gleichen, zu solch einer Fehlprogrammierung führen. Aber auch Umwelt- und genetische Faktoren spielen eine Rolle. Bestimmte Autoimmunerkrankungen treten nämlich familiär gehäuft auf.


 Autoimmunerkrankungen haben viele Gesichter

Praktisch jedes Organ kann von einer Autoimmunerkrankung betroffen sein und mitunter treten gleich mehrere dieser Krankheiten gemeinsam bei Betroffenen auf. Ab dem mittleren Lebensalter können insbesondere folgende Erkrankungen entstehen:

Rheumatoide Arthritis 
Die rheumatoide Arthritis ist die häufigste der entzündlich rheumatischen Gelenkerkrankungen. Durch autoaggressive Zellen werden Knorpel, Knochen und auch andere Strukturen des betroffenen Gelenks zerstört.

Hashimoto-Thyreoiditis
Bei dieser Schilddrüsenentzündung halten die T-Lymphozyten Schilddrüsenzellen für körperfremd und greifen sie deshalb an. Dadurch schrumpft die Schilddrüse, und die Produktion von Schilddrüsenhormonen verringert sich stetig. Langfristig kommt es zur Unterfunktion der Schilddrüse.

Colitis ulcerosa
Es handelt sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Dickdarms. Betroffen sind vor allem die oberflächlichen Schleimhautschichten im Dickdarm. Manchmal sind Colitis ulcerosa und Morbus Crohn – der überwiegend im Dünndarm auftritt, aber auch den Dickdarm befallen kann – nur schwer zu unterscheiden. Bei Morbus Crohn hatte man lange Zeit Autoimmunprozesse als Ursache vermutet. Seit kurzem nehmen Fachleute aber an, dass eine Schwäche des Immunsystems vorliegen könnte, die dann auch eine andere Behandlung erfordern würde.

Arteriosklerose
Die Hinweise mehren sich, wonach auch bei der sogenannten Arterienverkalkung – die zu Herzinfarkt und Schlaganfällen führen kann – Autoimmunprozesse ablaufen. Die Bildung von Ablagerungen in den Blutgefäßwänden bzw. die dort lodernde chronische Entzündung könnte auch eine Folge von Autoimmunreaktionen sein, wenn die Blutgefäße – z. B. durch entzündungsfördernde Faktoren wie Nikotin, bestimmte Bakterien, Übergewicht oder Bluthochdruck – zu sehr gestresst werden.

Sklerodermie
Bei Sklerodermie vermehrt sich das Bindegewebe unter der Haut oder in Organen – vor allem der Lunge, der Nieren, der Speiseröhre und des Herzens – krankhaft, so dass es verhärtet.


Unterdrückung der Immunreaktion

In erster Linie behandelt man eine überschießende Immunreaktion auf körpereigene Strukturen mit Medikamenten, die das Immunsystem dämpfen und die Zahl der autoaggressiven Zellen vermindern. Zu diesen sogenannten Immunsuppressiva gehören z. B. Methotrexat, das insbesondere bei rheumatoider Arthritis und Schuppenflechte angewandt wird, und Kortison. Die Einnahme solcher dämpfender Mittel wird zumeist auf akute Erkrankungsschübe begrenzt und muss ärztlich kompetent überwacht werden. Denn auf Dauer hat eine das Immunsystem unterdrückende Therapie folgenden Nachteil: Je effektiver die Immunsuppression erfolgt, desto weniger ist das Abwehrsystem in der Lage, die tatsächlich feindlichen Eindringlinge wie Viren oder Bakterien zu erkennen und zu bekämpfen. Eine dauerhafte Kortison-Therapie führt außerdem zu Knochenentkalkung und erhöhtem Blutdruck.


Neuer Antikörper
(grün) gegen rheumatoide
Arthritis arbeitet gezielt: Er
zerstört nur ganz bestimmte Immunzellen
und lässt so die körpereigene
Abwehr auch während der
Therapie arbeiten
.
Entzündungshemmung durch Biologika

Inzwischen gibt es eine Medikamentengruppe, die gezielter wirkt als die herkömmlichen Mittel: sogenannte Biologika. Dabei handelt es sich um maßgeschneiderte Eiweißmoleküle, die an bestimmte körpereigene Moleküle andocken können und sie so unwirksam machen. Die für Autoimmunerkrankungen eingesetzten Biologika greifen gezielt in Entzündungsprozesse ein und können so die Erkrankung schon bei der Entstehung erfolgreich blockieren.

Allerdings: Biologika unterdrücken neben unerwünschten auch erwünschte Abwehrreaktionen, z. B. die Bekämpfung von Erkältungen und Wundinfektionen. Bei einem noch relativ neuen und ebenfalls zu den Biologika zählenden gentechnisch hergestellten Antikörper (Rituximab) funktioniert die Infektabwehr dagegen auch während der Therapie. Rituximab wird insbesondere bei rheumatoider Arthritis eingesetzt. Der Antikörper bindet sich nur an jene B-Zellen, die gehäuft in der entzündeten Gelenkinnenhaut auftreten und lokale Entzündungsprozesse fördern, und macht diese unschädlich.



Zukunftsperspektive Stammzellentherapie

Die Ursache einer Autoimmunerkrankung können jedoch auch Biologika nicht beseitigen. Das könnte vielleicht künftig mit einer Stammzellentherapie glücken, die von Wissenschaftlern als viel ersprechendes Mittel gegen Autoimmunerkrankungen erforscht wird. So arbeiten Forscher der Berliner Charité derzeit daran, durch die Injizierung von gesunden Stammzellen ein neues, funktionierendes Immunsystem aufzubauen.

Bei einer Autoimmunerkrankung ist laut Experten eine
überwiegend vegetarische
Ernährung zur Unterstützung der Therapie empfehlenswert.

Selbsthilfe gegen Autoimmunerkrankungen

Die Behandlung von vielen Autoimmunerkrankungen ist ohne die sogenannten Immunsuppressiva derzeit kaum möglich. Das gilt vor allem in schweren Fällen – wenn Organe und körpereigene Strukturen ohne eine solche Behandlung unwiederbringlich zerstört würden. Behandelnde Ärzte stehen also vor der nicht immer leichten Aufgabe, den Nutzen dieser Medikamente gegen die möglichen Nebenwirkungen abzuwägen.
Doch auch Patienten können einiges tun, um die Überreaktion ihres Immunsystems zu bremsen. So halten Experten eine Ernährungsumstellung für besonders hilfreich. Geht eine Autoimmunerkrankung mit Entzündungen einher, dann ist zur Symptomlinderung insbesondere der Verzicht auf Lebensmittel mit Arachidonsäure ratsam. Diese Säure ist in tierischen Produkten (z. B. Eigelb und Leberwurst) enthalten. Nach Expertenansicht essen Autoimmun-Patienten grundsätzlich besser überwiegend vegetarisch. Ob sich, wie manche Befürworter meinen, auch Heilfasten günstig auswirkt, ist bislang nicht bewiesen. Wer es ausprobieren möchte, sollte dies unter ärztlicher Kontrolle tun.
Ein ganz wichtiger Punkt ist auch die Psyche, denn ein aus der Balance gebrachtes seelisches Gleichgewicht kann das Immunsystem empfindlich stören. Kummer, Stress, Aufregung, permanente Anspannung – alles, was uns unglücklich macht, kann auch krank machen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer für sein seelisches Wohl sorgt, kann eine Autoimmunerkrankung durchaus positiv beeinflussen.



Autoimmunerkrankungen vorbeugen?

Es gibt zwar eine genetische Veranlagung für Autoimmunerkrankungen, doch scheinen die im Körper schlummernden autoaggressiven Zellen erst durch bestimmte Infektionen „scharf gemacht“ zu werden. Insofern macht ein Training der Abwehrkräfte zur Vorbeugung durchaus Sinn. Zu einem solchen „Immuntraining“ gehören vor allem

eine ausgewogene und vitaminreiche Ernährung mit naturbelassenen Lebensmitteln,
viel Bewegung an der frischen Luft,
Kneippen und Saunabaden,
genügend Schlaf und Entspannung.

Nicht zuletzt stabilisiert auch eine gute Portion Humor das Immunsystem. Herzhaftes Lachen führt nämlich dazu, dass die Konzentration der Stresshormone im Blut abnimmt. Und das wirkt nachweislich harmonisierend auf die Abwehrkräfte.


     Gerlinde Felix


Adressen:

Deutsche Gesellschaft für Autoimmun-Erkrankungen e.V., Schittenhelmstr. 7, 24105 Kiel, Tel. 0431 5 70 81 25, www.autoimmun.org
Deutsches Netzwerk für Systemische Sklerodermie (DNSS), Klinik für Dermatologie und Venerologie, Kerpener Str. 62, 50937 Köln, Tel. 0221 4 7 88 67 57 / 61 82, www.sklerodermie.info
Deutsche Rheuma-Liga, Maximilianstr. 14, 53111 Bonn, Tel. 0228 7 66 06-0, www.rheuma-liga.de
Schilddrüsen-Liga Deutschland e.V. (SLD) Ev. Krankenhaus Bad-Godesberg, Waldstr. 73, 53177 Bonn, Tel. 0228 3 86 90 60, www.schilddruesenliga.de


Ausgabe 5 / 2007