Lebenserfahrung in Gedichtform:
Ich hörte einen Ruf



Gedichte von Menschen aus der Generation 60 plus hat Prof. Dr. Hans Peter Meier-Baumgartner gesammelt und im Deutschen Lyrik Verlag herausgegeben. Die Verse künden von Sehnsucht nach der märchenhaft verklärten Kindheit, sie beschreiben den Herbst des Lebens, Erinnerungen werden wach an Krieg und Verlust. Die Gedanken kreisen immer wieder um Rückzug, Glaube, Hoffnung, dass nicht alles vergebens war. Auch das Wissen um eine Erntezeit im Leben bringt Trost und Freude. Der Lyrikband „Ich hörte einen Ruf“ lädt ein zum Innehalten, Betrachten und Erinnern, zu besinnlichen Minuten in der Hektik des Alltags. Er wurde liebevoll illustriert von Veronica Rummel-Damian, von der auch die Idee für dieses Buch stammt.

Hier ein paar Kostproben:


Shoresch letzter Tag

O Gott, laß diesen Tag sein Anfang und Ende,
Ende und Neubeginn!
Aus der Nacht der Verzagtheit gabst Du mir Mut,
Und siehe, es öffnet sich Knospe um Knospe
Als Geburt himmlischer Schönheit
Vor deinen Augen ...

Jeder Schritt ward zum Lobgesang,
Jede Blüte ein freudiges Fest,
Wieviel schenkte sich mir
In kraftvoll erfüllender Zartheit,
In innerem Leuchten ...

Was suchest du Ihn,
Der dir doch ständig begegnet,
Wenn du bereit bist,
Mein Kopf ist noch dumpf,
Nur die Sinne, sie trinken
In durstigen Zügen
All diese Schönheit ...

O laß es mich nicht vergessen,
Was hier
Ich empfangen
Durch Dich ...

Erdmuthe von Andrian (*1920)



Erinnerung

Was kümmert mich der Schnee.
Was gehen mich Wind und Kälte an,
was Lärm und arge Reden!

Mir ist ein Lächeln zugeflogen
aus jungen, frühen Tagen -
Was ist da noch zu sagen?

Das wärmt mein Herz, wohl ausgewogen,
und fliegt nun hin und wider.
Ich singe neue Lieder.

Maria Heinz (*1914)



Zeit

Zeit – Zeit.
Es gibt keine Zeit.
Du bist die Zeit,
die du hast.
Sammle die Fäden
des Lebens:
aus Nesseln und Rosen,
aus Vogelfedern und
den Hüllen gehäuteter Schlangen,
und
der fliegende Teppich
trägt dich
am Ende des Weges
direkt ins Zentrum
des Seins.

Hanna Born (*1924)



Mutter

Wie bist du reich, wenn du noch eine Mutter hast,
Wenn sie auch alt, mit mancherlei Beschwerden;
Betrachte niemals sie als eine schwere Last,
Bedenk: auch du wirst einmal Greisin werden.

Wie hat sie stets für dich gesorgt bei Tag und Nacht,
Wenn krank du warst, an deinem Bett gesessen,
In mütterlicher Liebe dich gepflegt, bewacht,
Sie ist dein guter Engel stets gewesen.

Wenn deine Mutter, altersschwach und müd‘ und matt,
Jetzt nicht mehr so gut sehen kann und hören;
Oh, hab Geduld und geb ihr liebevollen Rat,
Laß dich von Eigenliebe nicht betören!

Und reiche ihr zur Stütze deine starke Hand
Und führe sie auf Wegen und auf Stegen,
So lange sie noch ein bißchen gehen, kriechen kann
Und ihre kranken Glieder kann bewegen.

Ein gutes Mutterherz schlägt immerdar für dich,
Wird nie in ihrer Lieb‘ zu dir erkalten;
Drum wünsch ich dir von Herzen, fest und inniglich:
Mög‘ Gott, der Herr, sie dir noch lang erhalten!

Rosa Stoffel (*1902)



Buchtipp:
Ich hörte einen Ruf. Gedichte alter Menschen, Veronica Rummel-Damian und Prof. Dr. Hans Peter Meier-Baumgartner, Deutscher Lyrik Verlag, 120 Seiten, 10 €
 
 
Februar 2010